Raffiniertes Zusammenspiel: Michael Altinger (li.) und sein Musiker Andreas „Andi“ Rother. © Yannick Thedens
Na dann Prost: Kabarettist Michael Altinger und „die letzte Tasse Testosteron“. © Yannick Thedens
Aus dem Bühnennebel taucht ein nicht mehr ganz junger Cowboy auf, zu Fuß, ohne Pferd. Und die Gitarre jault dazu. Die Inkarnation des harten Kerls. Aber Michael Altinger wäre nicht Michael Altinger, wenn er diesen Typen nicht sehr schnell demontieren, ironisieren würde. Wann ist ein Mann ein Mann – darum geht es in diesem Programm, wie eigentlich in jedem Programm des Wasserburger Kabarettisten. Dieses, das am Donnerstagabend im Münchner Lustspielhaus Premiere hatte, heißt „Die letzte Tasse Testosteron“ und gibt Rätsel auf. Geht‘s künftig auch ohne? Braucht das Land neue Männer?
Der 54-Jährige nähert sich dem geheimnisvollen weißen Gefäß im Zickzack und auf verschiedenen Ebenen. Auf einer spielt der Vater eine Rolle und ein Ultimatum, das mit dem Erbe zu tun hat – bis 22 Uhr muss die Tasse geleert sein. Auf einer anderen liebäugelt der gut erhaltene Spaßmacher mit dem Vorruhestand „auf dem Höhepunkt des Lebens“. Aber Obacht vor der Altersdepression! Vor allem, wenn man in Strunzenöd daheim ist, jenem geheimnisvollen (Heimat-)Dorf, das bei Altinger immer eine wichtige Rolle spielt.
Dort hat der Postwirt zugemacht, weshalb man nur noch zum Giovanni gehen kann, es gibt keine Handwerker mehr und die bösen Nachbarn nehmen überhand. Was tun? Der alte weiße Mann versucht es mit Sport, mit Fitness, und – noch so eine Chiffre – er kümmert sich um die Getränke. Obendrein vermittelt er in seinem Heimatort zwischen Ehepartnern, die sich trennen wollen. Empathie wird da übersetzt mit „Ja ja ja, des wär jetzt nix für mi!“.
Mit oder ohne Testosteron – der Mann ist maximal unter Strom, klärt über prominente Vorfahren auf, unter ihnen Christopher Altinger, der Entdecker Indiens (!), und die Kräuterheilige Hildegard von Altinger. Reisen in die Vergangenheit unternimmt er überhaupt gern, ins Mittelalter und sogar in die Steinzeit. Damals seien nicht alle Jäger Männer und alle Sammler Frauen gewesen, das hätten erst Wissenschaftler hineininterpretiert. So viel zu den Geschlechterrollen.
Politik? Nur in kleinen Dosen! Dann wird die „schöne bayerische Lagerhalle“ auf dem Land angeprangert und Wladimir Putin ein böser Hund gewünscht. Wer genau hinhört, hört auch Donald Trump reden, der Markus Söder zum König von Grönland macht. Michael Altinger – hin- und hergerissen zwischen (Selbst-)Analyse und gut getimten Pointen, zwischen kritischem Blick auf eine veränderte Welt und der puren Lust zu unterhalten (Regie: Gabi Rothmüller). Die wird gepusht durch ein raffiniertes Zusammenspiel zwischen ihm und Musiker Andreas Rother. Aus dem Michi wäre auch ein begnadeter (Rock-)Sänger geworden – mit rauer Stimme und erstaunlich biegsamem Körper rockt er den Saal, mit Songs wie „Das ist alles nicht perfekt“ oder „Kennst du schon die Serie mit dem Schauspieler…?“, die auch gut für sich alleine stehen könnten.
Am Ende des Abends trinkt der Künstler das Gesöff. Was dann passiert? Wird nicht verraten! Nur so viel – bei jedem weiteren Auftritt wird es wieder eine neue „letzte Tasse“ geben. Nix Vorruhestand.
RUDOLF OGIERMANN
Weitere Vorstellungen:
An diesem Samstag, 22. 2., 20 Uhr (eventuell Restkarten), sowie am 10. 4. um 20 Uhr im Bürgersaal Oberhaching und am 16. 4. um 20 Uhr im Schlachthof.