Sie meinte, was sie sang: Soulsängerin und Pianistin Roberta Flack (1937-2025). © Charles Sykes/dpa
Monsterhit: „Killing me softly“. © Brian O’Connor/PA
Die Grundschullehrerin Roberta Flack ist schon über 30, als ihr Leben buchstäblich über Nacht auf den Kopf gestellt wird. Die exzellente Pianistin begleitet nebenberuflich abends Sängerinnen und Sänger, die in Clubs in Washington auftreten. In den Pausen singt sie selbst, eher zum Zeitvertreib. Das tut sie so gut, dass sie schließlich selbst gebucht wird. In einem In-Restaurant gleich beim Kapitol hört sie der Jazzmusiker Les McCann, der völlig außer sich ist. „In dieser Stimme findet sich jede denkbare Emotion eines Menschen wieder“, wird er später sagen.
Er vermittelt Flack einen Termin bei der Plattenfirma Atlantic, wo sie in einer dreistündigen Session 42 Songs singt und spielt. Die Produzenten sind begeistert. Das erste Album erscheint 1969, ist aber kein Hit. Erst 1971 wird sie zum Star, als Clint Eastwood in seinem Regiedebüt „Sadistico“ ihre Version von „The first Time ever I saw your Face” prominent einsetzt. Das Lied schießt in den USA auf Platz 1, wird die erfolgreichste Single des Jahres, und Flack bekommt einen Grammy. Sie nutzt die Gunst des Augenblicks und legt mit „Killing me softly“ einen weiteren Monsterhit nach, das gleichnamige Album verkauft sich millionenfach.
Flack fokussiert sich auf die Musik, zieht später nach New York und ins berühmte Dakotabuilding, als Nachbarin von John Lennon und Yoko Ono. Lennon nennt sie „Tante Roberta“, was einiges darüber aussagt, wie unaufgeregt die Frau auftritt. Flack setzt sich für die Bürgerrechtsbewegung und die Rechte von Homosexuellen ein, nachdrücklich, aber immer freundlich. In den Achtzigern und Neunzigern wird es etwas ruhiger um sie, aber sie hat weiterhin Hitsingles und tritt auch vor der Kamera auf, etwa als Michael Jacksons Mutter in dessen Videoclip zu „Bad“.
Mitunter haben Kritiker ihren bewusst minimalistischen Ansatz, auf den Punkt zu singen, ohne überflüssige Koloraturen, als etwas kalt beschrieben. Aber das ist Unfug, die Frau hat sich einfach auf ihre einzigartige Soulstimme verlassen. Heute gilt sie beispielsweise modernen Ikonen wie Beyoncé explizit als Vorbild im unverstellten Herangehen an die Musik. Und ihre Lieder, allen voran „Killing me softly“, sind Klassiker, die jeder kennt, auch wenn er noch nie von Roberta Flack gehört hat.
Die ambivalente Wucht dieses Liedes, das mitunter etwas spöttisch in das Genre Softpop eingruppiert wird, hat die Komödie „About a Boy“ wahrscheinlich besser herausgestellt, als es je ein Kritiker vermocht hätte. Das Lied wird da zunächst als peinliche Schnulze dargestellt, die nur von alternativen Sonderlingen gemocht wird. Am Ende tritt Hugh Grant, der im Film durchgehend als Zyniker dargestellt wird, auf die Bühne und singt das Lied mit echter Hingabe, fast gegen seinen eigenen Willen.
„Killing me softly with his Song“ ist eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt, heute noch. „Mit das Wichtigste an einer guten Performance ist Aufrichtigkeit“, hat Flack einmal gesagt und das auch gelebt. Sie meinte, was sie sang, sie hat nie versucht, etwas anderes zu sein als eine Frau am Piano, die Lieder interpretiert, die ihr gefallen. Wer sich einmal vergegenwärtigen will, wie sensationell das sein kann, wenn man es richtig macht, kann sich ihr letztes Album aus dem Jahr 2012 anhören, da singt sie Klassiker der Beatles so eindringlich, dass man in dem Moment tatsächlich die fantastischen Originale vergisst.
Nun ist Roberta Flack nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren gestorben. Eine einzigartige Künstlerin ist gegangen, eine Frau, die ihr Leben lang Haltung bewahrt und es geschafft hat, die zu bleiben, die sie war.
ZORAN GOJIC