Ein Prosit am Gärtnerplatz

von Redaktion

Intendant Josef E. Köpplinger über „La Cage aux Folles“

Der Hausherr: Intendant Josef E. Köpplinger in seinem Gärtnerplatztheater. © Philipp Guelland

„Theater war für mich noch nie ein Therapieort, sondern vor allem ein Sehnsuchtsort“, sagt Intendant Josef E. Köpplinger. Seine Inszenierung von „La Cage aux Folles“ hat am Freitag Premiere. © Markus Tordik

Wo wäre ein Stück wie „La Cage aux Folles“ besser aufgehoben als am Gärtnerplatz, in Münchens buntestem Viertel? Und so wird es nach dem ersten Anlauf von 2007 nun höchste Zeit, dass die spritzige Komödie am Freitag auf diese Bühne zurückkehrt. Regie führt – fast möchte man sagen: natürlich – Intendant Josef E. Köpplinger. Doch kurioserweise ist es für den Musical- und Operetten-Spezialisten die erste Begegnung mit dem Kultstück.

Absicht war dies keineswegs, wie Köpplinger im Gespräch betont. Es war sich meist nur nicht im Kalender ausgegangen, oder das Stück ist auf der persönlichen Wunschliste hinter andere gerutscht. „Ich hatte lang ein Problem mit der Frage, worüber wir hier lachen. Denn Humor muss für mich immer damit anfangen, dass ich zuerst über mich selber lachen kann. Sonst ist es nur Sarkasmus oder zynisch.“ Als Beispiel nennt er jene Szene, in welcher der Nachtclubbesitzer Georges seinen deutlich feminineren Lebenspartner Albin zum „echten Kerl“ umerziehen möchte. „Das ist natürlich eine komödiantische Nummer. Aber da haben wir von Probe zu Probe immer mehr weggenommen und einen Weg gesucht, damit es kein Lachen auf unterstem Niveau wird.“

Dass das Musical mit seinem Plädoyer für Toleranz und Gleichberechtigung im derzeitigen Klima nichts von seiner Relevanz verloren hat, muss nicht erwähnt werden. Trotzdem hält Köpplinger nichts von plakativen Aktualisierungen. Er siedelt seine Inszenierung konsequent in den Siebzigerjahren und damit in der Entstehungszeit der Schauspiel-Vorlage an. In einer Ära, in der Frankreich tatsächlich immer noch von der Guillotine Gebrauch machte und Homosexualität in den meisten europäischen Ländern unter Strafe stand.

„Dank Menschen wie Trump, Putin, Orbán und vielen anderen ist das Stück aktueller denn je. Dass ich es trotzdem nicht heutig erzählen möchte, hat den Grund, dass die queere Community, zu der ich auch gehöre, in den letzten Jahrzehnten viel gearbeitet und erreicht hat. Wenn ich heute meinen Mann in der Öffentlichkeit küsse, kann ich dafür zum Glück nicht mehr angezeigt werden.“ Was aber trotzdem nicht vor Vorurteilen schützt, denen auch Köpplinger begegnet. „Genau deshalb glaube ich, dass es spannender ist, auf der Bühne das zu zeigen, was wir noch immer nicht gelernt haben. Wenn man in die Vergangenheit blickt, hat man da viele Chancen gehabt – aber auch vergeben. Weil man bei allen berechtigten Forderungen trotzdem immer den Dialog suchen muss.“

Der Austausch mit der Community wurde nicht nur hausintern geführt. So besuchte etwa die Münchner Dragqueen Janisha Jones eine Probe und gab inspirierende Tipps für die richtige Haltung bei einer Drag-Performance. Schließlich lässt sich nicht leugnen, dass „La Cage aux Folles“ zahlreiche Klischees thematisiert und bedient. Doch das gehört bei gut gemachtem Boulevardtheater dazu und ist für Köpplinger kein Hindernis. „Klischees machen einen Großteil unseres Lebens aus. Selbst wenn wir das nicht wahrhaben wollen. Ich denke nicht, dass wir uns von Klischees distanzieren und sie verbannen müssen, nur weil sich irgendwer womöglich verletzt fühlen könnte, sondern ich spiele lieber damit. Da kommt es auf die Balance an. Dass man zwar die Komödie bedient, das Ganze aber trotzdem hinterfragt.“

Dass es im „Käfig voller Narren“ gelingt, ein ernstes Thema mit viel Humor massentauglich aufzubereiten, ist vor allem Harvey Fierstein anzurechnen. Dem vielfach preisgekrönten Autor der Musicalfassung, dessen Stücke Köpplinger in einem Atemzug mit Tony Kushners Epos „Angels in America“ nennt. „Theater war für mich noch nie ein Therapieort, sondern vor allem ein Sehnsuchtsort, nach dem die Menschen heute immer mehr verlangen. Das ist teilweise ein Eskapismus ins Entertainment. Was für mich aber keine Schande ist, weil gutes Entertainment nicht leicht ist. Und Humor ist eine wichtige Waffe, die auch bei weniger toleranten Menschen Mauern einreißen kann.“
TOBIAS HELL

Premiere

ist am Freitag, 19.30 Uhr (ausverkauft); weitere Informationen unter gaertnerplatztheater.de.

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