Kleine große Edith

von Redaktion

„Piaf! The Show“ hatte München-Premiere im Deutschen Theater

Fabelhafte Hauptdarstellerin: Nathalie Lermitte. © Xiu

Mon dieu, wie konnte das passieren? Edith Piaf ist blond! Worüber das Paris der Fünfzigerjahre überaus irritiert gewesen wäre, passt bei der Frankreich-Hommage „Piaf! The Show“ im Deutschen Theater in München bestens ins Konzept. Denn die fabelhafte Hauptdarstellerin Nathalie Lermitte will die kleine große Edith gar nicht kopieren. Sie spielt und singt sich als Nathalie von heute ohne Perücke durch das Leben der Piaf, das wahrlich nicht immer „en rose“ war.

Das Stück, dessen Originaltitel viel passender „Piaf! Le spectacle“ lautet, nimmt einen sehr überzeugend mit ins alte Paris vom Montmartre bis zur Seine. Die Schwarz-Weiß-Bilder und -Filme auf der Videowand werden vom Eiffelturm dominiert, dem damals beinahe noch neuen Wahrzeichen der Stadt. Nathalie Lermitte singt sich mit ihren vier Musikern so facettenreich durch das Repertoire, mal kokett, mal triumphierend, mal verzweifelt, dass man beinahe glaubt, die „Rue de Schwanthaler“ liegt mitten im 18. Arrondissement.

Bei „Padam, padam“ und natürlich bei „Milord“ singt das frankophile München selig mit. Warum Nathalie dabei auch stimmlich (fast) immer Nathalie bleibt, erklärt sie mit Ediths Mentor Jean Cocteau, der wusste: „Es wird nie eine zweite Piaf geben.“

Und dann gibt es sie doch. Denn plötzlich geschieht das Wunder, Nathalie Lermitte kommt mit Perücke als Edith auf die Bühne. Kleiner wirkt sie jetzt, gebeugt, älter. Doch schon bei „Non, je ne regrette rien“ ist die Illusion vorbei, die Perücke fällt. Edith reckt sich, streckt sich, und wird wieder zu Nathalie. Wer dabei war im Deutschen Theater, hat es nicht bereut.
JÖRG HEINRICH

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