Bella Russia

von Redaktion

Gianandrea Noseda dirigiert das BR-Symphonieorchester

Jubel für Tschaikowskys erstes Klavierkonzert: Beatrice Rana und Gianandrea Noseda. © Severin Vogl

Italien und Russland haben herzlich wenig miteinander zu tun – abgesehen vielleicht von ihrer tief verwurzelten Musikkultur. Diese nahm Dirigent Gianandrea Noseda mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Ohrenschein und ließ so eine faszinierende Synthese entstehen: „Bella Russia“ in der Isarphilharmonie.

Zum Auftakt präsentierte Noseda seine Spezialität – das wenig bekannte Repertoire der italienischen Moderne. Luigi Dallapiccolas „Due pezzi“« (1947) leben von enormen Kontrasten: Die fragil verschattete „Sarabande“ entfaltet sich im Pianissimo, während „Fanfara e Fuga“ mit blechernem Furor tosen und in einen provokant schlichten Durdreiklang münden – fast ein ironisches Lächeln in Richtung der radikalen westdeutschen Nachkriegsavantgarde. Dallapiccola atmet den zwölftönig-seriellen Zeitgeist, zieht ihm aber den formalistischen Zahn.

Apropos Formalismus: So lautete der stalinistische Vorwurf gegen Dmitri Schostakowitsch, dessen 1939 entstandene sechste Symphonie zwar dem sozialistischen Realismus verpflichtet sein sollte, sich aber in tragikomischer Satire übt.

Mit präziser Umsicht und ordentlich Temperament lässt Noseda das BRSO im Largo eine unheimliche, erschütternde Klangwelt erzeugen, stürzt sich mit dem Orchester in die grotesken Tänze des Allegro und zieht das Presto mit einer wohldosierten Mischung aus Eleganz und roher Energie durch. Seine enorme Präsenz nimmt der Dirigent nur im Mittelteil zurück zugunsten von Beatrice Rana, die in roter Robe am schwarz lackierten Flügel Pjotr Tschaikowskys erstes Klavierkonzert spielt.

Von russischer Seele beflügelt, sind die Satzbezeichnungen des Werks auf Italienisch gehalten – wodurch sich Pathos und Feuer, Tiefe und Temperament verbinden. Frenetischer Applaus belohnt diese Kulturen verbindende musikalische Vision und ruft die so temperament- wie gefühlvolle Solistin viele Male auf die Bühne zurück.
ANNA SCHÜRMER

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