INTERVIEW

„Die Antwort auf Hass ist Liebe“

von Redaktion

Michel Hazanavicius über seinen Holocaust-Animationsfilm

Michel Hazanavicius erhielt bereits einen Regie-Oscar.

„Auch in schrecklichen Zeiten passieren erfreuliche Dinge“: Szene aus „Das kostbarste aller Güter“ nach dem gleichnamigen Roman von Jean-Claude Grumberg. Der Film startet am kommenden Donnerstag. © StudioCanal/dpa, Joel C. Ryan

Schon mit seiner kultigen Agentenfilm-Parodie „OSS 117 – Der Spion, der sich liebte“ erreichte der französische Drehbuchautor und Regisseur Michel Hazanavicius ein Millionenpublikum. Weltberühmt wurde er mit seiner Stummfilm-Hommage „The Artist“, für die er als erster Franzose den Regie-Oscar bekam. Nun präsentiert der 57-Jährige einen Animationsfilm, zu dem er selbst die zeichnerischen Vorlagen geliefert hat: „Das kostbarste aller Güter“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jean-Claude Grumberg. Kinostart ist am kommenden Donnerstag.

Ihr Film beginnt wie ein harmloses Märchen à la „Es war einmal ein armer Holzfäller…“, nimmt dann aber eine verblüffende Abzweigung.

Dieser raffinierte Ansatz hat mich auch bei der Romanlektüre fasziniert. Obwohl ich aus einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln stamme und meine Großeltern der Deportation nach Auschwitz nur knapp entronnen sind, wollte ich eigentlich nie einen Film über den Holocaust machen. Doch dann las ich dieses Buch von Jean-Claude Grumberg, der seit seiner Jugend eng mit meinen Eltern befreundet ist, und war zutiefst berührt von seiner humanistischen Botschaft: Der Roman zeigt, dass auch in schrecklichen Zeiten erfreuliche Dinge passieren. Wenn einem eine so wunderschöne Geschichte begegnet, muss man als Regisseur einfach zugreifen.

Sie haben das Drehbuch gemeinsam mit Grumberg geschrieben. War das ein harter Kampf?

Nein, er hat mir sämtliche Freiheiten gelassen und nur selten korrigierend eingegriffen – etwa, wenn ich zu didaktisch wurde. Da meinte er: „Wir müssen nicht alles erklären. Wir sind Geschichtenerzähler, keine Lehrer. Wenn die Leute mehr über die Hintergründe erfahren wollen, können sie sich anderswo informieren. Vergiss nicht, ihnen ab und zu ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.“

Das ist doch eigentlich Ihre Spezialität: Menschen zum Lachen zu bringen.

Aber in diesem Zusammenhang fand ich das heikel – ich sah die Gefahr, die Schrecken der Shoah zu verharmlosen. Andererseits wollte ich das Publikum auch nicht durch zu drastische Darstellungen traumatisieren. Kurzum: Es war schwierig, bei dieser Gratwanderung die richtige Balance zu finden. Geholfen hat uns letztlich die Entscheidung, Grumbergs Geschichte in Form eines Animationsfilms zu erzählen. Bei der Animation ist man nicht an die Realität gekettet, sondern kann jederzeit einen Schritt in Richtung Poesie wagen.

Zudem konnten Sie dadurch Ihre älteste Leidenschaft beruflich ausleben: Wie man hört, zeichnen Sie schon seit Ihrer Kindheit fast täglich. Was genau?

Hauptsächlich Porträts. Gesichter, Charakterköpfe. Ich trage stets Bleistift und Notizbuch bei mir und bin vollkommen glücklich, wenn ich in einem Café zwei Stunden lang auf jemanden warten muss und dabei heimlich Gäste zeichnen kann. Auf diese Weise sind tausende von Bildern entstanden – nie mit der Absicht, sie jemandem zu zeigen, sie zu veröffentlichen oder gar auszustellen. Für mich ist das Zeichnen eine Art Meditation: Es macht den Kopf frei und reinigt die Seele.

Und was haben Sie nun für den Film gezeichnet?

Alle Charaktere, auch die Nebenfiguren und Statisten. Und wie schon bei meinen bisherigen Filmen habe ich detaillierte Storyboards angefertigt. Allerdings war mir nicht bewusst, wie fundamental sich die Arbeit eines Animationsfilmers technisch vom Job eines Spielfilmregisseurs unterscheidet. Anfangs habe ich zum Beispiel Skizzen entworfen, die sich nicht animieren ließen. Der Entstehungsprozess bei einer Animation ist viel aufwendiger, komplexer und zeitintensiver als bei einem Spielfilm. So musste ich auf meine alten Tage noch mal einen ganz neuen Beruf erlernen.

Wie fühlt es sich für Sie an, den Film in einer Zeit wachsender Antisemitismus-Tendenzen auf der ganzen Welt herauszubringen?

Gerade in solchen Zeiten brauchen wir Filme, die uns den Glauben an die Menschheit zurückgeben: Geschichten über rechtschaffene Leute, die Solidarität zeigen und selbst unter widrigen Umständen Gutes tun. Denn die einzig richtige Antwort auf Hass ist nicht Hass, sondern Liebe – und das ist die bewegende, positive, lebensbejahende Botschaft dieses Films.