PREMIERE

Hach ja

von Redaktion

„Ein Käfig voller Narren“ am Gärtnerplatztheater

La Diva: Armin Kahl als Albin/Zaza. © Markus Tordik

Im Gay-Himmel: Szene aus der Musical-Inszenierung von Hausherr Josef E. Köpplinger, der auf die Choreografien von Adam Cooper und starke Typen vertrauen kann. © Markus Tordik

Das Politische wird in rund drei Minuten erledigt. Der Papst von hinten, Straßenproteste, CSD, alles mit rückläufigen Jahreszahlen versehen. Ein Video über die queere Passionsgeschichte, während die Musik langsam zu sich findet und in den Swing einbiegt. Später schleppt Christian Schleinzer alias Jacob alias Zofe ein Riesenkruzifix auf seiner persönlichen Via dolorosa ins fliederfarbene Zimmer. Als angemessene Deko für einen gleich zu erwartenden, homophoben, hochkonservativen Regionalpolitiker: Da södert es sogar ein wenig im Gärtnerplatztheater – Kreuzerlass, wir verstehen.

Doch das war’s auch schon mit der Aktualität in diesem „Käfig voller Narren“. Wobei die 1983 uraufgeführte Sause von Jerry Herman (Musik, Gesangstexte) und Harvey Fierstein (Buch) gerade verstärkt ins Bühnenlicht drängt: 2022 Volksoper Wien, 2023 Komische Oper Berlin, 2024 Klagenfurt plus Bern und jetzt eben am Gärtnerplatz. Weil dieses Stück als Cashcow taugt, viele Vorstellungen sind schon ausverkauft. Und weil es gerade (nicht nur im Trump-Land) ein wenig schlecht bestellt ist um die Toleranz.

Die Münchner Premiere, mit Standing Ovations und pfeifendem Zwischendurchjubel gefeiert, wird von alledem nur rudimentär angeweht. Es ist wie ein wohliger Museumsbesuch bei alten Meistern, ein unbeschwerter Aufenthalt in der Alten Pinakothek des Musicals. Der regieführende Intendant Josef E. Köpplinger hat das geliefert, was (nicht nur) die queere Münchenwelt erwartet. Eine Orgie der abgeknickten Handgelenke, Pailletten und Fummel. Gut gegelte Dialoge und Szenenfolgen, eine glamouröse, routiniert getaktete Revue mit fast allen Schikanen. Und dank Ausstatter Alfred Mayerhofer anfechtbare 70er-Jahre-Perücken, vor allem aber eine flugs umbau- und drehbare Szenerie zwischen Showbühne, Garderobe für die kerlige Diva und schwulem Wohnzimmer, in dem die erigierten Gemächte in den Raum ragen.

Ein alterndes Männerpaar in Saint-Tropez, der eine Nachtclubbesitzer Georges, der andere Showstar Albin alias Zaza, dazu Georges‘ Sohn Jean-Michel, der plötzlich – quel horreur – eine Frau, nämlich Anne, heiraten will, die von rückständigen Eltern geplagt ist, denen nun eine „normale“ Familie vorgespielt werden soll: Aus dem Clash zwischen Heterowelt und Homo-Universum bezieht „La Cage aux Folles“, so der Originaltitel, seinen Humor. Damals mit Sprengkraft. Heute ist es wie bei „My fair Lady“, die Sache staubt schon ziemlich.

Vor allem braucht der Narrenkäfig mit seiner überschaubaren Handlung Druckbetankung durch Show-Nummern. Und da darf sich Köpplinger bei seinem Choreografen bedanken: Adam Cooper ist mindestens genauso wichtig für den Erfolg des Abends. Dass es nur einen einzigen Ohrwurm gibt, der zur Schwulenhymne erkorene Song „Ich bin, was ich bin“ („I am what I am“), ist auch bezeichnend. Dafür wird der gleich mehrfach gemolken mit diversen Da capi.

Was es auch braucht: echte Typen. Die kann das Gärtnerplatztheater fast durchweg bieten. An der Spitze Armin Kahl als Albin/Zaza. Der hätte im Wettbewerb „München sucht die Mega-Tunte“ bestimmt nicht die rosa Medaille geholt. Aber gerade deshalb, weil Kahl sich nicht zu sehr in Stereotypen sonnt, weil immer ein wenig Distanz spürbar ist, weil es da eine aparte Kluft gibt zwischen wuchtiger Präsenz und Hüftknick mit Schlangenarmen, ist dieses Porträt so stark. Daniel Prohaska singspielt sich als Georges Richtung Charakterfach, das steht ihm gut. Paul Clementi ist als aufgeweckter Sohnemann Jean-Michel angemessen erschüttert von den schwulen „Eltern“ und Florentine Beyer eine ganz liebreizende Anne. Als einzig echtes Gay-Luder räumt Christian Schleinzer (Jacob) ab, was er mit Nasalton, hochhackigem Gestelze nebst diversen „Hachs“ auskostet. In Minirollen sind Haus-Größen wie Frances Lucey, Ann-Katrin Naidu oder Holger Ohlmann unterwegs, auch hier wird aus dem Vollen geschöpft.

Die hochgepegelte Verstärkeranlage täuscht ein wenig darüber hinweg: Dirigent Jeff Frohner bietet mit der kleinen Combo des Gärtnerplatzorchesters eher gepflegten Drive. Musikalisch ist das meiste eng verzahnt mit der Bühne. Gelegentlich entert die Tanztruppe das Parkett, Lichterketten an den Rängen verwandeln Münchens Volksoper zum Szene-Club. Eigentlicher Höhepunkt ist die bezwingend gesteigerte Nummer „Die schönste Zeit ist heut“. Eine Hymne des Eskapismus, die in der Premiere ungeahnte Bedeutung entfaltet – zeitgleich fällt im Oval Office eine Welt in Trümmer.
MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

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