Lichtspiel als Lichtblick

von Redaktion

Sean Baker ist mit seinem Drama „Anora“ der Überraschungssieger der Oscars

Glückliche Gewinnerin: Stolz präsentiert Zoë Saldaña ihren Oscar den Fotografen. © FREDERIC J. BROWN/afp

Überraschungssieger: Sean Baker. Hier mit vier der fünf Trophäen für seinen Film „Anora“. © Jordan Strauss/dpa

Hielten die eindringlichste Dankesrede der Oscar-Nacht: Der Palästinenser Basel Adra (li.) und der Israeli Yuval Abraham (re.), die gemeinsam den Dokumentarfilm „No other Land“ gedreht haben – und den Oscar gewannen. © FALLON/afp

Süße Rache: Diesmal überfiel Halle Berry ihrerseits Adrien Brody auf dem roten Teppich mit einem Kuss. © Instagram

Legendär: Adrien Brodys überschwänglicher Kuss für Halle Berry auf der OscarBühne vor 22 Jahren. © dpa

Überglücklich: Das Filmteam von „Anora“ liegt sich nach fünf gewonnenen Oscars in den Armen. © ALLISON DINNER/epa

Nimm das, Mr. President. Da steht Zoë Saldaña, diese fantastische Schauspielerin, am Sonntagabend (Ortszeit) im Dolby Theatre Los Angeles auf der Bühne und pfeffert Donald Trump und allen Menschen, die meinen, ihnen „gehöre“ ein Land und sie allein dürften darüber entscheiden, wer sich darin aufhalten darf, eine Dankesrede entgegen, die nachwirkt. Saldaña, soeben zu Recht ausgezeichnet für ihr phänomenales Spiel im ebenso phänomenalen Musical-Drama „Emilia Pérez“, ehrt ihre Großmutter, die 1961 in die USA gekommen ist. „Ich bin ein stolzes Kind von Einwanderereltern mit Träumen, Würde und hart arbeitenden Händen.“ Sie sei die erste Amerikanerin mit dominikanischen Wurzeln, die einen Oscar erhält – „und ich weiß, dass ich nicht die letzte sein werde“. Die 46-Jährige widmet die Auszeichnung ihrer Großmutter: „Die Tatsache, dass ich einen Preis für eine Rolle bekomme, in der ich auf Spanisch singe und spreche – wenn meine Großmutter jetzt hier wäre, würde sie sich so sehr freuen.“ Muchas Gracias und Jubel im Saal.

Es ist einer der wenigen politischen Momente an diesem Abend, von dem man angesichts der Lage in den USA und der Welt in dieser Hinsicht etwas mehr erwartet hätte. Manche hatten gefordert, die Gala gar nicht stattfinden zu lassen. Angesichts der zerstörerischen Brände in und rund um Los Angeles sei das unangemessen. Die Academy sah das anders – und lud zur 97. Verleihung der Oscars ins Dolby Theatre ein. Die prominenten Gäste kamen in Scharen, die meisten farbenfroh, die Männer fast sämtlich mit glitzernden Broschen am Revers. Lichter gegen die Dunkelheit, die sich in der Welt mehr und mehr auszubreiten scheint.

Gleich zu Beginn ein Einspieler mit Filmszenen aus der Stadt der Engel. Und einem rot leuchtenden Herz: „We love LA“. Das unterstreichen Ariana Grande und Cynthia Erivo mit ihren Interpretationen von „Somewhere over the Rainbow“ und anderen Liedern aus der zauberhaften Welt von OZ. Die magische Vorgeschichte des Musicals, „Wicked“, zehnfach Oscar-nominiert, ist immer wieder Thema während der kurzweiligen Show. Wer wollte sich in Tagen wie diesen gegen guten Zauber wehren? Am Ende gewinnt „Wicked“ nur zwei Preise für „Bestes Produktionsdesign“ und „Bestes Kostümdesign“. Bei letzterem zeichnet Paul Tazewell verantwortlich, der unter Standing Ovations verkündet: „Ich bin der erste schwarze Mann, der den Kostümdesign-Award gewonnen hat.“

Viele erste Male an diesem erfreulich diversen Abend. Brasilien siegt mit „I’m still here“ erstmals in der Kategorie „Bester nichtenglischsprachiger Film“, Lettland mit dem Animationsfilm „Flow“. Kieran Culkin setzt derweil auf ein viertes Mal. In seiner herzerfrischenden Dankesrede für die Auszeichnung als bester Nebendarsteller in „A real Pain“ erinnert er seine Frau an ein Versprechen, das sie ihm gegeben habe: Wenn er den Oscar gewinne, gebäre sie ihm ein viertes Kind. Das dritte hatte sie ihm bereits für den gewonnenen Emmy zugesagt. Schelmisches Lächeln von der Bühne zu ihr: „Lass uns loslegen, was meinst du?“

Nicht vier Kinder, dafür gleich vier Trophäen darf Sean Baker persönlich mit nach Hause nehmen. Sein Film „Anora“ ist der Überraschungssieger des Abends. Baker gewinnt als bester Regisseur, für den besten Schnitt, mit dem besten Drehbuch und in der Königskategorie bester Film. Außerdem holt seine Hauptdarstellerin Mikey Madison wie aus dem Nichts den Preis als beste Schauspielerin – und hängt damit Favoritin Demi Moore ab. Was sehr in Ordnung geht, denn seien wir ehrlich: In manchen Szenen schrammte Moore in „The Substance“ haarscharf an einer Goldenen Himbeere vorbei.

Sean Baker nutzt seine zahlreichen Dankesreden dazu, immer wieder die Wichtigkeit von unabhängiger Filmkunst und Lichtspielhäusern als Orten des Miteinanders hervorzuheben. Mit seinen außergewöhnlichen, klugen, witzigen, unheimlich lebensechten Werken wie „The Florida Project“ (2017) oder jetzt dem unvergleichlichen „Anora“ beweist der 54-Jährige, dass sich die Arbeit auch bei geringem Budget lohnt. Er hat sich mit seiner nur rund Sechs-Millionen-US-Dollar-Produktion sogar gegen Favoriten wie die Bob-Dylan-Biografie „Like a complete unknown“ durchgesetzt – der trotz acht Nominierungen völlig leer ausging. Auch der deutsche Regisseur Edward Berger muss sich mit „Konklave“ gegen „Anora“ geschlagen geben. Sein Film siegt aber in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“. Autor Peter Straughan dankt Berger auf Deutsch: „Du bist der Beste!“

Die eindringlichste Dankesrede an diesem Abend halten Yuval Abraham und Basel Adra, ausgezeichnet in der Kategorie „Beste Dokumentation“ für „No other Land“. Der eine, Basel Adra, Palästinenser, der andere, Yuval Abraham, Israeli. Sie sprechen sich in deutlichen Worten für eine „politische Lösung“ des Krieges in Gaza aus. „Wir haben diesen Film gemacht, Palästinenser und Israelis, weil unsere Stimmen gemeinsam stärker sind“, sagt Abraham. „Es gibt einen anderen Weg, eine politische Lösung ohne ethnische Vorherrschaft, mit nationalen Rechten für unsere beiden Völker.“ Die US-Außenpolitik unter der Regierung von Donald Trump trage jedoch dazu bei, „diesen Weg zu blockieren“.

In Richtung Trump gehen zwischen den Zeilen auch Adrien Brodys Dankesworte für seinen Oscar als bester Schauspieler. Er spricht sich gegen Krieg und systematische Unterdrückung, Antisemitismus, Rassismus und Fremdbestimmung aus. Rund eine Milliarde Menschen aus aller Welt hören diesen Worten in der Übertragung der Show zu. Die von Komiker Conan O’Brien souverän und mit einigen amüsanten Spitzen moderiert wird. Den Feuerwehrmännern von Los Angeles hat er ein paar schlechte Witze notiert, die sie charmant vortragen dürfen, nachdem sie überschwänglich vom Publikum begrüßt wurden. „Egal, wie mies die Witze sind: Ihr müsst lachen – das sind Heroes!“ Ihnen und den im vergangenen Filmjahr verstorbenen Helden der Branche gedenken die Gäste. Allen voran Gene Hackman, der vor einigen Tagen durch noch ungeklärte Ursache ums Leben kam. Morgan Freeman tief bewegt: „Wir haben einen Giganten und ich habe einen guten Freund verloren.“

Alles in allem eine Preisverleihung, die sich besonders durch die nominierten Filme selbst auszeichnet. Von denen es lohnt, sie in ihrer Vielfalt noch einmal anzuschauen. Lichtblicke in den Lichtspielhäusern – voller Mitmenschlichkeit, Humor, Vergangenheitsbewältigung, Sinn für Zwischentöne – und immer wieder: Hoffnung. „Anora“ bedeutet Licht. „Somewhere over the rainbow, skies are blue / and the dreams that you dare to dream / really do come true.“ Wenn nicht jetzt – wann dann?
KATJA KRAFT

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