Voyeuristischer Blick durchs Fenster: Sportlerinnen beim Kickbox-Training.
„Gewachsen auf Beton“: das Wandbild mit den Boateng-Brüdern im Wedding.
Verdrängte, prekäre Wohnverhältnisse macht die Künstlerin bewusst, indem sie das Innenleben ihrer Skulpturen zeigt.
Haushohe Fantasie: Tracey Snelling hat sich von Gebäuden in Shanghai zu diesem Moloch inspirieren lassen. Hinter jedem Fensterchen verbirgt sich ein anderes Leben, eine andere Geschichte. © Marcus Schlaf (4)
Hach, wo wenn nicht hier ist der Ort, um den alten Haudegen, Tunichtgut, Poeten der Straße und literarischen Krawallbruder mal wieder auftreten zu lassen? Ladies and Gentlemen, Mr. Charles Bukowski: „A Poem is a City/ filled with Streets and Sewers/ filled with Saints, Heroes, Beggars, Madmen,/ filled with Banality and Booze“ dichtete der US-Amerikaner (1920-1994) dereinst. Tatsächlich ist sein (Ab-)Gesang auf die Stadt mit ihren Straßen, Kanalisationen, Heiligen, Helden, Bettlern, Verrückten, Banalitäten und Schnaps Teil der akustischen Kulisse im Literaturhaus.
Dort stellt zum ersten Mal in München die in Berlin lebende US-Künstlerin Tracey Snelling aus. Die 55-Jährige begann ihre Karriere mit Fotografien, die sie bald um Collagen und Assemblagen erweiterte. 1998 baute die Kalifornierin dann ihre erste Haus-Skulptur. Fünf davon sind nun in der wunderbar sinnlich inszenierten Schau „This is Us“ am Salvatorplatz zu bestaunen.
Und zu staunen gibt es hier einiges: Snelling hat Gebäude – etwa das Muay Thai Kickboxing Gym im Berliner Wedding oder die Wohnanlage „Vele di Scampia“ in Neapel – im Miniaturformat nachgebaut. Mit Fotos, Filmen, Requisiten und einer effektvollen Lichtregie inszeniert sie kleine Dramen, die wir durch die Fenster und Türen beobachten können. So werden wir zu Voyeuren mannigfaltiger Leben, die tatsächlich – oder vielleicht doch nur in der Fantasie der Künstlerin? – gelebt werden. Und wir bekommen Ahnung von all dem, was Bukowski besingt und beklagt in seinem Langgedicht „A Poem is a City“, das in Auszügen zum Soundtrack von Snellings Kurzfilm wird, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.
In den Skulpturen steckt jedoch nicht nur jede Menge Arbeit, Fingerspitzengefühl und Fantasie. Zwischen den zahlreichen realistischen Details und den witzig-schrägen Verfremdungseffekten eröffnet Tracey Snelling einen atmosphärischen Assoziationsraum, der im Kern zwei Fragen umkreist: Wie leben wir eigentlich? Und: Wollen wir so leben?
MICHAEL SCHLEICHER
Bis 13. April
täglich 11 bis 18 Uhr; Eintritt frei.