Mit Anmut tanzt sie sich in das Stück hinein: Stefanie Reinsperger in der Männerrolle des Fleischerkönigs Mauler. © Birgit Hupfeld
„Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Das ist einer der schönsten Sätze der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht, eines Stücks, das gerade am Berliner Ensemble Premiere hatte. Dieses Zitat auf die aktuelle Aufführung gemünzt, lässt sich getrost sagen: Die Schauspieler, am Ende des Spiels die Bühne verlassend, waren nicht nur gut, sondern verließen eine Theaterwelt, die für 180 Minuten eine gute Welt war.
Was nicht bedeutet, dass keine Einwände gegen die Inszenierung von Dusan David Parizek vorzubringen wären. Aber allein die Stückwahl zeugt vom politischen Anspruch des Hauses. Und eine überragende Stefanie Reinsperger als die in eine Frauenfigur umgemünzte Fleischerkönigin Mauler trägt auf ihren starken Schultern den kompletten Abend.
Brecht schrieb diese „Johanna“ 1929/30, getrieben von der Weltwirtschaftskrise, dem großen Crash in Amerika, den verheerenden Folgen für die Massen von Arbeitern. Er war 32 Jahre alt und wollte die Gesetze des Kapitalismus verstehen. Das ging nicht ohne Karl Marx und sein „Kapital“. Und so trommelt er Lesern und Zuschauern die schlauen Theorien des sozialistischen Materialismus auf die Ohren, verbunden mit literarischen Anspielungen auf vorangegangene Werke zur historischen Symbol-Figur Jeanne d’Arc.
Brechts Johanna Dark ist in Chicago angesiedelt bei der Heilsarmee, die mit ihren Soldatinnen singend vom lieben Gott und Suppe ausgebend die Arbeiter der Fleischfabriken tröstet und umsorgt. Sie sucht den Fleischerkönig Mauler auf, der ein harter Brocken und zugleich ein Philanthrop ist. Er kann die sterbenden Ochsen nicht mehr sehen, schließt und verkauft seine Schlachthöfe, hat aber ein fühlendes Herz für die naive Kämpferin Johanna. Jede freundliche Handlung Maulers ist gedeckt durch die geheimen Empfehlungen der Wall Street. Er geht als Sieger aus dem Spekulationskrieg hervor. Johanna aber, die Mitleidige, sinkt im Zuge der Erkenntnis, dass eine bessere Welt nur durch den gewaltsamen Klassenkampf zu haben ist, in den Tod.
Ein großes Stück. Ein sprödes Stück. Mit den aktuellen wirtschaftlichen Verwerfungen und politischen Krisen in der Welt erfährt es eine gesteigerte Aufmerksamkeit. In Berlin versuchen Regisseur Parizek und sein Team auf eine sehr besondere Weise dieses Werk in den Griff zu bekommen: durch eine Reduzierung auf vier Darstellerinnen und einen Darsteller. Festgelegt auf ihre Rollen sind allein Kathleen Morgeneyer als Johanna und Stefanie Reinsperger als Mauler. Die anderen switchen sich durch das stark gekürzte Rollenpersonal. Keine Arbeiter, keine Heilsarmee-Chöre, keine Trommeln der Mädchen der Schwarzen Strohhüte, keine Detektive und so weiter. Da müssen die beiden Hauptdarstellerinnen alles rausreißen.
Unangefochten Stefanie Reinsperger. Ein Bühnenvulkan an schauspielerischer Kraft und Zartheit zugleich. Mit Anmut tanzt sie sich ganz in Schwarz in das Stück hinein, um viel später in großer roter Robe tänzerisch ihr Königinnentum der Fleischindustrie zu behaupten. Ohne Eitelkeit, mit sprachlicher Exzellenz, verkapptem Witz und immer auch mit einer natürlichen erotischen Präsenz. Dagegen hat es Kathleen Morgeneyer als Johanna nicht leicht. Auch sie besitzt eine vitale Bühnenpräsenz.
Aber der Regisseur gesteht ihrer Johanna keine Entwicklung zu. Von Anbeginn hetzt sie mit viel zu viel Druck durch ihre Lehrstück-Thesen. Erst wenn am Ende Stefanie Reinsperger die tote Johanna auf ihre Arme nimmt, einer Pietà gleich, und sie in das abgelegte rote Gewand hüllt, markiert das die wahre Größe der Johanna.
SABINE DULTZ
Nächste Vorstellungen
am 15., 16., 21. und 22. März; weitere Informationen und Karten unter www.berliner-ensemble.de.