Vorhang auf für die Giehse

von Redaktion

Barbara Yelin zeichnete das Leben der Schauspielerin nach

Rolle ihres Lebens: Therese Giehse als Brechts Mutter Courage. © akg-images

Auf der Spur der legendären Schauspielerin: Die Münchner Zeichnerin Barbara Yelin erzählt die Biografie der Münchnerin Therese Giehse (1898-1975). © Martin Friedrich

Eine Legende betritt die Bühne – in Barbara Yelins Comic. Als Schauspielerin wusste Therese Giehse, wie sie wirkt; privat war sie zurückhaltend: „Aber über mich red’ ich nicht.“ © Yelin

Ihre Startchancen ins Leben waren bescheiden, ihre Aussichten auf eine Karriere als Schauspielerin nicht vorhanden. „Ich war dick, rothaarig und hatte den Herrn Jesus umgebracht“, erinnert sich Therese Giehse an ihr Großwerden. Am 6. März 1898 wird sie als Therese Gift, das vierte Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie, in München geboren. Die Gifts sind zwar angesehen in der Stadt – vor Antisemitismus schützt das dennoch nicht. Der Vater stirbt früh, die Brüder müssen 1914 in den Krieg. „Ich musste schnell erwachsen sein.“ Auch ihr Wunsch, auf der Bühne zu stehen, scheint unerfüllbar – Therese entspricht nicht den Vorstellungen, die sich die Gesellschaft ihrer Zeit von Schauspielerinnen machte. „Ich will doch gar nicht schön sein. Ich will nur zum Theater.“

Die Münchner Künstlerin Barbara Yelin benötigt kaum zwei Seiten, um all das zu erzählen. Es ist unter anderem diese Konzentration, mit der ihr neuer Comic überzeugt. „Die Giehse“ ist im Auftrag der Münchner Kammerspiele entstanden, wo die Schauspielerin zwischen 1926 und 1933 engagiert war.

Yelin, die das Genre der Comic-Biografien in Deutschland geprägt hat wie kaum eine Zeichnerin, erzählt mit Empathie, Kenntnis und auch Witz von diesem „Leben für das Theater“. Der Untertitel übertreibt nicht, denn dieser Satz taucht in der Geschichte am häufigsten auf: „Therese spielt.“ Etwa Mutter Wolffen im „Biberpelz“, 1929, oder 1930 im Abtreibungsdrama „Cyankali“, das seiner Zeit weit voraus war, oder Mrs. Peachum in der „Dreigroschenoper“ (1932).

Die Giehse spielt aber nicht nur. Sie lernt Erika Mann kennen und lieben. Zusammen mit anderen gründen sie das Kabarett „Die Pfeffermühle“. Therese spielt, singt und führt Regie. Und sie flieht, muss fliehen: am 17. März 1933 in die Schweiz. Vier Jahre später wird sie am Züricher Schauspielhaus engagiert und gestaltet hier etwa die Titelfigur bei der Uraufführung von Brechts „Mutter Courage“ im Jahr 1941. Es sollte ihre Lebensrolle werden.

Yelin charakterisiert dieses satte, in den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts hin und her gewirbelte Leben mit ihrem hinreißend dynamischen Strich. Sie nutzt eine Mischtechnik aus Wasserfarben, farbigen Tinten und wasservermalbaren Buntstiften, die sie erst nach der Arbeit am Zeichentisch durch den Computer schickt. Wo Leben und Kunst der Giehse kaum zu fassen sind, sprengt die 48-Jährige mit ihren Zeichnungen zudem sehr sehenswert die Rahmen der Einzelbilder.

Dramaturgisch gelingt es Barbara Yelin, von beidem zu berichten: Giehses Leistung als Schauspielerin und ihr Engagement als politischer Mensch. Nicht nur deshalb ist es sehr konsequent, dass ihr Comic bei der „Gala für Giehse“ präsentiert wird: am Samstag, dem internationalen feministischen Kampftag.
MICHAEL SCHLEICHER

Barbara Yelin:

„Die Giehse“. 31 Seiten; 5 Euro. Erhältlich an der Theaterkasse oder im Webshop des Theaters unter www.kammerspiele.de.

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