„Diese Show ist aktueller denn je“

von Redaktion

Regisseur Christoph Biermeier über „Berlin Berlin“ am Deutschen Theater

Premiere ist an diesem Samstag im Deutschen Theater.

Die Goldenen Zwanziger lässt „Berlin Berlin“ wieder aufleben – wobei die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen keineswegs nur verklärt wird. © Jens Hauer, imago

Die Ballsaison am Deutschen Theater mag mit dem Aschermittwoch zu Ende gegangen sein. Aber für gute Laune ist an der Schwanthalerstraße weiterhin gesorgt. Schon ab diesem Samstag lässt die Revue „Berlin Berlin“ die Goldenen Zwanziger wieder aufleben. Mit den Ohrwürmern der Comedian Harmonists, Foxtrott, Swing und Charleston. Wobei man die Ära zwischen den Weltkriegen keineswegs nur verklärt, sondern neben Optimismus und Lebensfreude auch die heraufziehenden Schatten thematisiert. Frei nach dem Wahlspruch des Produktionsteams: „Unterhaltung, aber mit Haltung“.

Für die Wiederaufnahme der 2019 erstmals gezeigten Show hat Regisseur und Co-Autor Christoph Biermeier noch einmal Hand angelegt und unter anderem die temporeiche Eröffnungsnummer neu konzipiert. „Wir spielen die Show eben nicht Jahr für Jahr eins zu eins runter, sondern tauchen jedes Mal tiefer in die Materie ein.“ Inspirieren ließ man sich auch von den Gastspielorten. So unter anderem von einer Episode aus dem Deutschen Theater, wo man einst vor der erstarkenden NSDAP einknickte und der „Negernackttänzerin“ Josephine Baker Auftrittsverbot erteilte.

Die Wiener dagegen hielten „nur“ Gottesdienste ab, um angesichts der moralischen Verfehlungen für Bakers Seele zu beten. „Wir versuchen, bei jeder Wideraufnahme mehr Zeitdokumente und Originalzitate einzuarbeiten, um noch authentischer zu werden“, sagt Biermeier. „Und je authentischer man wird, desto mehr spiegelt sich das traurigerweise in unserer Zeit.“

Wie brandaktuell die in der Show ausgesprochenen Mahnungen sind, mussten Biermeier und sein Ensemble leider Ende Februar beim Tournee-Stopp in Leipzig erleben. Nach dem Entrollen einer Hakenkreuz-Flagge auf der Bühne salutierte dort im Saal tatsächlich ein Zuschauer mit erhobenem rechten Arm. Offenbar ohne sich daran zu erinnern, in welchen Abgrund uns diese für manche heute wieder salonfähige Geste damals führte. Denn die ist bei aller Schönrederei nun mal eben kein „römischer Gruß“, sondern bleibt immer noch verfassungswidrig und strafbar.

Dass der ewig Gestrige, gegen den die Leipziger Polizei nun ermittelt, ausgerechnet den Weg in Richtung Hass und Faschismus als Lehre aus der Revue zog, ist beängstigend. Doch für die Mitglieder des Ensembles gleichzeitig ein Ansporn, weiter ihre wichtige Geschichte zu erzählen und damit die Kreativität jener Menschen zu feiern, deren eingängige Musik und humorvollen Texte dem Publikum schon damals durch unruhige Zeiten halfen. Vertriebene und Verfolgte wie Mischa Spoliansky, Friedrich Holländer oder Paul Abraham, ebenso wie die Berliner Ikonen Marlene Dietrich und Anita Berber. Natürlich schwingt damals wie heute eine ordentliche Portion Eskapismus mit. Die verständliche Sehnsucht, für ein paar Stunden die Welt da draußen mit ihren Kriegen, Sorgen und Problemen zu vergessen. Schließlich brauchen wir alle hin und wieder Momente zum Lachen und Durchatmen. Und davon gibt es in „Berlin Berlin“ genug.

Ihre volle Wirkung entfalten sie aber gerade deshalb, weil die Show den historischen Hintergrund darüber keineswegs ausblendet. So die Meinung von Simon Stockinger, der sich die Hauptrolle des Admirals mit seinem Kollegen Friedrich Rau teilt. „Die Show wird von Mal zu Mal aktueller. Bei der ersten Spielserie haben wir über Inflation gesprochen, nach der Pandemie über die Spanische Grippe. Und jetzt sind wir leider da angekommen, wo der Populismus wieder en vogue ist und man sich fragt, wie lange sich die Menschen noch hinter die Kunst stellen, weil sie das alles womöglich zu woke, zu queer oder wie auch immer finden.“

Womit er auch die Politik anspricht, die als Erstes immer gern bei Kultur und Bildung den Rotstift ansetzt. Und so wünscht sich Stockinger stellvertretend für seine Ensemble-Familie vor allem, „dass die Leute von unserer Show auch mitnehmen, dass diese Freiheit der Kunst und die Freiheit der Menschen etwas ist, das man ruhig beschützen darf, soll und sogar muss. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen! Lasst es uns besser machen!“
TOBIAS HELL

Vorstellungen

vom 8. bis 16. März;
www.deutsches-theater.de.

Artikel 4 von 11