Eine große Künstlerin und von Kindesbeinen an ein durch und durch politischer Mensch: Katja Ebstein feiert am Sonntag ihren 80. Geburtstag. © Evelyn Schels/BR
Im Februar 1970 gelang Karin Ilse Witkiewicz, einer talentierten Background-Sängerin aus Berlin-Reinickendorf, der große Durchbruch: „Wunder gibt es immer wieder“. Der Song war ihr Start in eine große Karriere als Schlager-, Jazz- und Chansonsängerin – und der deutsche Beitrag für den Grand Prix Eurovision de la Chanson 1970 in Amsterdam. Allerdings trat die junge Frau dort bereits unter dem Künstlernamen an, der bald überall bekannt sein sollte: Aus dem nach Ansicht der Plattenfirma schwer auszusprechenden Nachnamen ihrer aus Niederschlesien stammenden Familie wurde Ebstein. Das habe sie von der Berliner Epensteinstraße abgeleitet, in der sie als Kind lebte, so Katja Ebstein. „Irgendwas sollte der Name schließlich auch mit mir zu tun haben.“ Im Grand-Prix-Finale unterlag Ebstein zwar der Irin Dana, erreichte aber den dritten Platz.
Es folgte Hit auf Hit: „Der Stern von Mykonos“, „Es war einmal ein Jäger“ und „In Petersburg ist Pferdemarkt“, „Theater“ oder „Abschied ist ein bisschen wie Sterben“. Insgesamt veröffentlichte Ebstein in 55 Jahren mehr als 30 Platten. Ab Mitte der Achtziger widmete sich die Künstlerin verstärkt ihrer zweiten Leidenschaft, der Schauspielerei. Ab und zu im Fernsehen, meistens auf der Bühne. Mit der Vermischung von E oder U hatte sie nie Probleme. „Leben und leben lassen“ sei ihr Lebensmotto, erzählt sie gerne. Alles hatte eine Daseinsberechtigung: Klassik wie Pop, Oper wie Boulevard. Toleranz sei ihr wichtig. „Gegenüber allen Menschen, die aus anderen Ländern hierhergekommen sind“, betont sie. „Durch die Plattenerfolge konnte ich mir die Kleinkunst leisten und Inhalte transportieren, die mir wichtig sind und waren.“
Schon in jungen Jahren war Ebstein politisch sehr aktiv. Von ihrer Mutter, so die Künstlerin, habe sie die Musikalität geerbt. Vom Vater den Dickkopf und den „unbändigen Gerechtigkeitssinn“. Während ihres Volontariats beim Sender Freies Berlin (SFB) im Ressort Klassische Musik und TV-Dramaturgie ging sie in ihrer Freizeit auf die Straße, demonstrierte gegen den Mauerbau, den Vietnamkrieg, gegen Atomkraft. „Ich bin von Haus aus ein Widerspruchsgeist“, beschreibt sie sich selbst. Mit zwölf Jahren war sie auf ihrer ersten Demo: „Wir hatten immer genug Themen, für die man sich auf die Straße begeben musste.“ Zusätzlich politisiert wurde sie durch den Tod ihres Freundes Benno Ohnesorg, den sie seit ihrer Kindheit kannte und der auf einer Demonstration gegen den Schah-Besuch im Juni 1967 vor der Deutschen Oper in Berlin erschossen wurde.
Die Themen gehen ihr nicht aus, weshalb sie auch heute noch demonstrieren geht. Gegen Rechtsextremismus, für Frauenrechte. Inzwischen vorwiegend in München, seit vielen Jahren lebt Katja Ebstein nahe der Landeshauptstadt. „Dass die Rechten inzwischen gut vernetzt sind, können entscheidende zuständige Stellen unseres Staates scheinbar nicht deutlich genug erkennen.“
Wie ihre Frisur änderte sie auch niemals ihr großes politisches Engagement. 2004 gründete sie die Katja-Ebstein-Stiftung, die sich für sozial benachteiligte Kinder „und eine enkeltaugliche Zukunft“ einsetzt. 2008 verlieh ihr Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz für ihr soziales und künstlerisches Engagement. 2017 schickte das Land Brandenburg Ebstein auf Vorschlag der SPD in die Bundesversammlung, die Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten wählte. „Ich finde es normal, dass man versucht, mitzugestalten“, erklärt sie mit Nachdruck.
Ruhestand kennt die Künstlerin sowieso nicht. Für die Welthungerhilfe ist sie nach wie vor in Mali und Peru unterwegs. Mit 62 Jahren nahm sie an der RTL-Tanzsendung „Let’s Dance“ teil und kam ins Finale. Aktuell plant sie mit Ex-Mann und Immer-noch-Komponist Christian Bruhn eine Aufnahme von Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Parallel tritt sie Mitte April mit dem Programm „Berlin…trotz und alledem“ auf, einem Abend mit Texten und Liedern von Bertolt Brecht, Claire Waldoff und Wolf Biermann: „Dass man Zweifel hat an Zuständen, ist wichtig. Brecht hat gesagt: Was du selbst nicht weißt, das weißt du nicht. Also kontrolliere, prüfe, sieh selber nach. Aber viele wollen nicht nachschauen, schließen sich scheinbar kritiklos jemandem an und glauben, sie seien Pseudo-Weltretter. Das hat in meinem Denken nicht viel mit freiem Geist zu tun.“
ULRIKE FRICK