Schon immer cool und frech: Nina Hagen. © imago stock
Die Mutter des deutschen Rock: Nina Hagen, 1955 in Ost-Berlin als Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen geboren, blieb auf ihre Art provozierend schön. © Hendrik Schmidt
„Du hast den Farbfilm vergessen“, trompetete das Stabsmusikkorps der Bundeswehr zum Großen Zapfenstreich im Dezember 2021 für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Damit wurde auch im westlichsten Winkel Westdeutschlands der Schlager bekannt. 1974 war es, als die 19-jährige Nina Hagen mit der Band Automobil in der TV-Show „Ein Kessel Buntes“ im DDR-Fernsehen erstmals vom Sanddorn und den Kaninchen auf Hiddensee sang: ein junges Mädchen in hohen Plateaustiefeln, mit knallroten Lippen und einem riesigen Hut wie aus dem Karnevalsfundus. Aber die Stimme! Die war cool, frech und ein bisschen rauer.
Die Stimme cool, frech und ein bisschen rauer
Auch wenn die spätere „Mother of Punk“ bei Make-up und Klamotten damals deutlich zurückhaltender auftrat, als es später in ihrer langen Karriere die Regel werden sollte. In den Schwarz-Weiß-Ausschnitten des DDR-Staatsfernsehens wirkt die Skandalnudel in spe wie ein süßes Mädchen aus der Provinz. Vermutlich wurden deshalb die sexuellen Anspielungen und der subversive Text mit den Verweisen auf die Mangelwirtschaft des Sozialismus nicht zensiert. Als „heimliche Nationalhymne einer ganzen Generation“ beschreibt Hagen das Lied in ihrer Autobiografie.
Nina Hagen stammt aus einer Künstlerfamilie: Ihr Vater war der Schriftsteller und Drehbuchautor Hans OlivaHagen, ihre Mutter Eva-Maria Hagen war Musicalsängerin und Schauspielerin und galt als die „Brigitte Bardot der DDR“. Nina, am 11. März 1955 in Ost-Berlin geboren, will ebenfalls Schauspielerin werden. Das weiß die Stasi zu verhindern und offeriert statt der Schauspielschule eine Ausbildung zur „staatlich geprüften Schlagersängerin“.
Die Eltern trennen sich nach wenigen Jahren. Dank des nachfolgenden Lebensgefährten ihrer Mutter, des Liedermachers Wolf Biermann, lernt Nina früh systemkritische Musik kennen. Aber eben auch die harten Bandagen des DDRRegimes. 1976 ist Nina Hagen wegen ihres Hiddensee-Hits überall im Arbeiter- und Bauernstaat bekannt, als ihr berühmter Ziehvater im November ausgebürgert wird. Mutter und Tochter folgen ihm in den Westen nach. Dort wirbelt Nina Hagen die Musikszene sofort durcheinander. Produziert mit ihrer Band Songs wie „Ich glotz TV“, die Meilensteine der Musikgeschichte wurden. Mit „Unbeschreiblich weiblich“ protestiert sie gegen das Frauenbild jener Zeit. Illusionen hat sie zu diesem Thema keine: „Frauen werden Männern niemals ebenbürtig sein, solange sie nicht mit Glatze und Bierbauch die Straße runterlaufen und immer noch denken können, sie seien schön.“
Schön war sie auf ihre Art immer: Die rebellische Sängerin inszeniert sich, später beraten von Modedesigner Jean Paul Gaultier, als Punkrockerin mit dick schwarz umrahmten Augen, bunten Haaren und knallig rotem Schmollmund. Dazu provozierend knappe Dessous und Lederkleidung. Mehr als 15 Alben hat Nina Hagen in ihrer mehr als 50-jährigen Karriere herausgebracht und auf unzähligen anderen mitgewirkt. Vom legendären Debüt „Nina Hagen Band“ (1978) über „Unbehagen“ (1980) und „In Ekstase“ (1985), „Return of the Mother“ (2000) bis zur hochgelobten Gospelplatte „Personal Jesus“ (2010) und der politischen Abrechnung „Volksbeat“ (2011) – immer wieder erfindet sie sich neu, steckt Flops und Durststrecken, private und berufliche Rückschläge anscheinend unverdrossen weg.
Drei Ehemänner und noch mehr Weggefährten hat die New-Wave-Ikone verschlissen. Das ganze Leben Hagens bewegt sich in energischen Höhen und Tiefen. Sie spielt mit Musikern von Manfred Krug und BAP bis Max Raabe und Thomas D Songs ein. Liest Rilke und Brecht vor, engagiert sich politisch für Die Grünen und Die Linken, für Tierschutz, Frauenrechte und Straßenkinder. Tritt in Otto Waalkes „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ als böse Hexe auf und sitzt in der Jury der Talentshow „Popstars“. Und die von ihr gesungene Hymne auf „Eisern Union“ dröhnt als Stadion-Einlaufmusik von Union Berlin, dass ganz Köpenick wackelt.
Bis heute sieht sie mal aus wie ein Teenager mit Kunstblumen im Haar, mal eher wie Draculas Großmutter. In ihrem Kopf „geht manchmal sehr viel durcheinander“, so beschrieb es Sandra Maischberger in gewohnter Zurückhaltung, als ein TV-Interview mit Hagen zu Ufos und Aliens in die Esoterik abzugleiten drohte. Zwei Dinge blieben allerdings: Die Beziehungen zu Mutter Eva-Maria und zur eigenen Tochter Cosma Shiva waren und sind beständig und innig. Und ein Koffer blieb immer in Berlin, egal wohin es sie sonst auf der Welt zwischen Ibiza, Holland und den USA verschlagen hatte.
ULRIKE FRICK