Im Land der Freiheit

von Redaktion

Martin Mittelmeiers Buch über Thomas Mann in Kalifornien

Fühlten sich wohl in Kalifornien: Katia und Thomas Mann im Jahr 1942 gemeinsam auf der Terrasse ihres Hauses in Pacific Palisades, Los Angeles. © ullstein bild

Das Thomas Mann House in den USA. Hier spielt ein großer Teil des Buches. © MIKE NELSON/EPA

„Dass sie den Reiz der Wahrheit nicht kennen, ist zu beklagen, dass ihnen Dunst und Rauch und berserkerisches Unmaß so teuer ist, ist widerwärtig, dass sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Bosheit zu begreifen, ist miserabel.“ Das Zitat ist leider äußerst aktuell, und doch stammt es von Johann Wolfgang von Goethe, der es auf die Deutschen münzte. Wie wir von Martin Mittelmeier in „Heimweh im Paradies – Thomas Mann in Kalifornien“ (allerdings ist jetzt das Paradies abgebrannt) erfahren, nutzte 1946 der britische Hauptankläger diese Analyse am Ende der Nürnberger Prozesse. Sie hatten sich angeschickt, den Massenmord der Nazis und ihrer Helfer ansatzweise aufzuarbeiten.

Thomas Mann, ein leidenschaftlicher Demokrat

Es sind solche Funde sowie viele andere wichtige und alltägliche Informationen, die das Buch des Literaturhistorikers über Thomas Mann (1875-1955) im US-Exil zu einem Schatzkästlein machen. Mit dem einen Zitat ist es nämlich nicht getan. Der Jurist griff noch einmal zu Goethe: „So sollten es die Deutschen halten; … Welt empfangend und weltbeschenkend, die Herzen offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum und Geist – so sollten sie sein, das ist ihre Bestimmung.“ Aber, so erklärt uns Mittelmeier (und man kann sich vorstellen, wie er dabei schmunzelt), diese Äußerung ist gar nicht vom Olympier selbst – sondern von Mann beziehungsweise seiner Goethe-Figur aus „Lotte in Weimar“.

1946 sind wir am Ende der Mission des Nobelpreisträgers. Die Machtergreifung der Nazis verwandelte den Stockkonservativen, ach so Unpolitischen ruckzuck in einen leidenschaftlichen Demokraten. Unermüdlich kämpfte er in den USA nicht nur für die Lebensform der Freiheit und des Anstands, sondern auch dafür, dass die Vereinigten Staaten mithalfen, den Faschismus niederzuringen.

Martin Mittelmeier beginnt im Jahr 1938. Die Manns ruhen sich nach einer Rundtour mit dem Vortrag „Der zukünftige Sieg der Demokratie“ im Beverly Hills Hotel aus und beginnen sich wohlzufühlen: in der Gegend, in dem Klima, in der Exilgemeinde zwischen Bruno Frank, Lion Feuchtwanger, Bruno Walter und Arnold Schönberg, oft zusammengehalten von der Salonnière Salka Viertel. Da sind des Weiteren Größen wie Aldous Huxley, Charlie Chaplin, Max Horkheimer, Bertolt Brecht oder Hanns Eisler.

Mann ist in den USA berühmt und gefragt; also ist sein politisches Engagement wirkmächtig. Er pflegt sogar Kontakt zu Präsident Franklin D. Roosevelt, den er bewundert. Parallel dazu schildert Mittelmeier den Fortgang der künstlerischen Projekte. Die „Joseph und seine Brüder“Tetralogie wird genauso vollendet wie kürzere Texte, etwa „Die vertauschten Köpfe“, und der berühmte Komponisten-Roman „Doktor Faustus“. Mit sichtlicher Freude taucht der Literaturwissenschaftler ein in dessen Entstehungsgeschichte. Besonders angetan hat es ihm die Beziehung des reifen Dichters zu dem jüngeren Denker Theodor Adorno, dessen Überlegungen zur Musik („Philosophie der neuen Musik“) prägend wurden für die Figur des Adrian Leverkühn, die verzweifelt um ungehörte musikalische Ausdrucksformen ringt.

Nach dem Weltkrieg driften die USA Richtung Unterdrückerstaat. Das Komitee für unamerikanische Umtriebe verschreckt die Menschen. Wie viele andere verlässt die Familie Mann den Kontinent und kehrt nach Europa zurück. Sie siedelt sich, vorsichtshalber, in der Schweiz an. Geschickt rundet Martin Mittelmeier seine kenntnis- und detailreiche, (bisweilen zu) komprimiert geschriebene Darstellung mit einem kurzen Was-danachGeschah ab. Gut ist im Übrigen, dass die Lesenden am Ende einen Link zu den Quellen findet; weniger gut ist, dass das Lektorat etwas nachlässig war.
SIMONE DATTENBERGER

Martin Mittelmeier:

„Heimweh im Paradies –
Thomas Mann in Kalifornien“. DuMont Buchverlag, Köln,
187 Seiten; 22 Euro.

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