„Wir überstehen das“

von Redaktion

Jontavious Willis über die USA und „West Georgia Blues“

Jontavious Willis legt sein drittes Album vor. © Strolling Bones

Auf den ersten Blick wirkt die Nachricht gar nicht so spektakulär: Jontavious Willis wendet sich auf seinem dritten Album wieder dem traditionellen Blues zu. Willis, geboren 1996, wurde als „Wunderkind“ von Taj Mahal gefördert und von der Fachpresse als „Zukunft des Blues“ geadelt, war mit G. Love auf Tour und erntete schon eine Grammy-Nominierung. Im Gespräch wird klar, dass Blues für ihn nicht nur eine Karriere, sondern vielmehr lebendiger Ausdruck schwarzer Kultur ist. Ein starkes Signal, vor allem angesichts der Umstände, mit denen sich schwarze Künstler dieser Tage in den USA konfrontiert sehen.

Jontavious Willis hätte es sich leicht machen können. Die Erfolgskombination von „Spectacular Class“ (2019) hätte gewiss noch mal funktioniert: Produzent war Keb’ Mo’, Taj Mahal wirkte als Executive Producer. Im Vergleich mit dem Debüt „Blue Metamorphosis“ (2017) klingt das Album zwar alles andere als modern, wirkt aber ungleich perfekter, irgendwie glitzernder. „Keb’ ist kleinteilig, wenn es ans Aufnehmen geht“, berichtet Willis. „Ich schätze seine Methode sehr, und ich halte ihn für ein Genie.“ Er selber bevorzuge eine andere Strategie, nämlich das Band anzuwerfen und zu schauen, was passiert. Also ging er mit seinen Freunden Jayy Hopp (Akustikgitarre, Schlagzeug), Ethan Leinwand (Piano) und Rodrigo Mantovani (Kontrabass), Jon Atkinson (Gitarre) und Sänger Lloyd Buchanan in die Capricorn Studios in Macon, Georgia, wo einst die Allman Brothers Geschichte geschrieben hatten. Dort entstand eine Menge Material, unter anderem jene 15 Songs, die nun als „West Georgia Blues“ erschienen sind.

Dass die Stücke eine Vielfalt an Blues-Stilen abdecken, denkbar uneitel Willis’ Fähigkeiten illustrieren und wie aus einem Stück wirken, ist eine Leistung. Die umso höher zu schätzen ist, als „West Georgia Blues“ auch inhaltlich fesselt. „Ich glaube, meine Familie besteht aus ziemlich anständigen Geschichtenerzählern“, sagt Willis, der das Talent definitiv geerbt hat. Als Beleg drängt sich „Ghost Woman“ auf. Das Stück ist eine dieser morbid-mystischen Südstaatenerzählungen, die einen weit über den Schlussakkord hinaus heimsuchen. Es sei ein trauriger Song und gleichzeitig eine Hommage an die Genre-Pioniere George Carter („Ghost Woman Blues“) und Ida Cox („Graveyard Dream“) und deren übersinnliche Sujets. „Ich habe tatsächlich Geistergeschichten erlebt“, verrät er.

Gruselig mag einem auch vorkommen, was in den USA passiert. Auf die Frage, wie er sich angesichts dessen fühle, folgt erst mal eine Pause. „Ich bin in Ordnung“, sagt Willis schließlich. „Wir haben gelernt zu leben und uns anzupassen. Ich habe gelernt, dass Dinge eben nicht immer so laufen, wie man es gern hätte. Aber ich denke, es gibt Möglichkeiten, das zu überstehen.“ Diese Resilienz spiegelt sich in seiner Musik: So sehr sie die unschönen Seiten des Daseins thematisiert, so sehr trägt sie eine positive Note. „Ich schöpfe Zuversicht aus meinen Erfahrungen, aus denen meiner Familie und aus meinem Umfeld. Ich stamme von Leuten ab, die einiges überstanden haben. Und ich mag es, diese Botschaft in meinen Songs zu verankern.“
CHRISTOPH ULRICH

Jontavious Willis:

„West Georgia Blues“
(Strolling Bones).

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