Bringen Vhils in ihr Muca: Stephanie und Christian Utz vor einem München-Panorama des Künstlers.
Intensiv: Dieses Porträt hat Vhils in eine mehrschichtige Werbetafel geritzt.
Radikal: In eine Wand im Muca hat Vhils ein Kunstwerk gemeißelt.
Kraftvoll: Auch auf den Holzarbeiten blicken uns die Porträtierten eindringlich entgegen. © Achim Frank Schmidt (4)
Er zerschneidet, er meißelt, er hämmert, er sprengt – und kreiert auf diese mitunter brachiale Weise etwas ungemein Zartes. Und doch: jedes Werk mit kraftvoller Wirkung.
Kaltlassen jedenfalls können einen die Arbeiten von Vhils, der eigentlich Alexandre Farto heißt, nicht. Allein schon der perfektionierten Technik wegen. Der Mann ist erst 38, blickt aber bereits auf 26 Jahre künstlerisches Schaffen zurück.
Mit gerade einmal zwölf Jahren mischte sich der Portugiese unter die Lissabonner Street-Art-Szene. Stellt man sich jetzt auch nicht ganz so leicht vor. Wie war das damals, als Halbwüchsiger, sich einen Platz in dem testosterongetränkten Umfeld zu erobern? „Ich hatte Glück“, sagt der Künstler bescheiden. Wer die Arbeiten anschaut, die nun im Museum of Urban and Contemporary Art (Muca) München hängen, versteht: Das war nicht nur Glück, das war sehr viel Können. Und ein Talent, umzudenken. Während andere mit der Dose Graffiti sprühten, der Umgebung also etwas hinzufügten, ging Vhils bald den entgegengesetzten Weg: Wie ein Archäologe arbeitet er sich mit Teppichmesser, Hammer und Meißel, TNT (!) durch Oberflächen, die ihm das urbane Leben bietet. Dringt auf diese Weise in die Geschichte einer Stadt, die kulturellen Entwicklungen einer Gesellschaft ein.
An seinen Werbetafel-Schnitzereien sieht man es eindrucksvoll. Von Ferne blicken einem darauf überlebensgroße Gesichter entgegen, geht man näher heran, erkennt man, dass das nicht etwa gemalte Porträts sind. Vhils hat sich das Prinzip der kapitalistischen Welt zunutze gemacht: Auf den großen Plakatwänden in den Städten überall auf dem Globus wird Werbung über Werbung geklebt, immer neu, neu, neu, damit der Rubel rollt. Vhils reißt diese unterkühlte Welt ein, in der der Mensch auf einen anonymen Konsumenten reduziert wird, und hebt ihn daraus hervor. Männer und Frauen, Alte und Junge, rückt er ins Zentrum, die Porträts sind inspiriert von Leuten, die er weltweit gesehen hat. Erschaffen mit ungeheurem Abstraktionsvermögen. Denn bei jedem Schnitt muss der Künstler die darunterliegenden Farbschichten bedenken, in der Detailliertheit das Gesamtmotiv im Auge behalten.
Noch radikaler wird es bei seinen TNT-Arbeiten. Wie kam er auf die Idee, nicht mehr bloß zu meißeln, sondern die Bilder zu sprengen? Schüchternes Lächeln unter der Pulloverkapuze: „Ich hab mir von einem Pyrotechniker zeigen lassen, wie man mit dem Sprengstoff zielgenau Löcher in eine Wand bringen kann.“ Nicht aus bloßer Effekthascherei: Vhils, der geprägt wurde von den nachrevolutionären politischen Wandbildern in seiner portugiesischen Heimat, geht es darum zu zeigen, wie fragil jeder zivilisatorische Fortschritt ist. Das TNT steht für die Gewalt, das Menschenverachtende, das eine Kultur, eine Demokratie untergräbt und die vielen Schichten der gesellschaftlichen Entwicklung mit einem Mal zerstören kann.
Gleichzeitig führt uns Vhils vor Augen, dass wir uns auf alte Werte, die mitunter tief verschüttet liegen, besinnen sollten. Dass manchmal ein radikales Umdenken nötig ist, um zurückzufinden zu Errungenschaften, die negative Entwicklungen überlagert haben. Im Gesellschaftlichen wie im Persönlichen. Der Mensch mit all seinen (Ge)Schichten, in dieser Ausstellung funkelt er uns entgegen. Unbedingt sehenswert.
KATJA KRAFT
Bis 30. November
Mi.-So. 10 bis 18, Do. bis 20 Uhr; Tickets: https://shop.muca.eu;
Hotterstraße 12.