„Caligula“: von Camus. © a. declair
Surreal: „Draußen vor der Tür“. © thomas rabsch
„Sally – Mein Leben im Drag“ ist eine Performance von Meo Wulf. © Reinaldo Coddou H.
Corona hat vieles durcheinandergebracht. Auch die Jahreszählung beim renommierten Nachwuchs-Regie-Festival „Radikal Jung“. Das fand nämlich 2005 zum ersten Mal statt, damals noch am alten Spielort des Münchner Volkstheaters an der Brienner Straße. Trotzdem wird der 20. Geburtstag erst kommendes Jahr gefeiert. Aber auch ganz ohne Jubiläum kann sich das Programm heuer sehen lassen. Insgesamt 14 Stücke und Performances sind vom 27. April bis zum 4. Mai zu sehen. Die aus Christine Wahl, C. Bernd Sucher, Hannah Mey und Leon Fritsch bestehende Jury sah sich im gesamten deutschsprachigen Raum nach jungem, spannendem Theater um. Auch abseits der Hauptstädte, so betonten sie mehrfach. Gesucht haben sie nach neuartigen Formensprachen, radikalen Inhalten und ungewöhnlichen Zugriffen auf unterschiedlichste Textformen. Das Ergebnis: ein breites Tableau einer jungen Regie-Generation.
Die Vielfalt der Inszenierungen lässt schon der erste Abend am 27. April erkennen: Eine Adaption des Romans „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter ist da zu sehen, die von Antigone Akgün vom Theater Aachen mit einfachsten Mitteln erstellt wurde. Parallel dazu ist „rhapsody“ aus der Regie von Azeret Koua vom Theaterhaus Jena zu entdecken, ein experimenteller, „surrealistischer Fiebertraum, der die Unbehaglichkeit im Hier und Jetzt erlebbar macht“, so die Jury. Während zeitgleich Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ gespielt wird in einer Fassung, die von Filmemacher und Theaterregisseur Adrian Figueroa für das Düsseldorfer Schauspielhaus arrangiert wurde und in der sich „Borcherts surrealistische Elemente sehr gekonnt mit realistischen verweben“.
Neben den zwei tollen Volkstheater-Eigenproduktionen zu Albert Camus’ „Caligula“ von Ran Chai Bar-Zvi und „Fünf Minuten Stille“ von Leo Meier steht beispielsweise „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ von und mit Calle Fuhr, dem großen Erklärer des deutschen Theaters, auf dem Plan. Oder „Gittersee“ nach dem Roman von Charlotte Gneuß über die Siebzigerjahre in der DDR. Leonie Rebentisch hat aus der Vorlage ein packendes Drama über Ideologie und Indoktrination geschaffen.
Vollkommen andere Töne schlägt „Sally – Mein Leben im Drag“ an, die „musikalische Performance“ von und mit Dragkünstlerin Meo Wulf. Das Theater Osnabrück ist erstmals bei „Radikal Jung“ vertreten, mit einer sehr eigenen Kleist-Variation. „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ heißt der Abend. Ganz andere Erlebnisse verspricht „Nestbeschmutzung“ vom Institut für Medien, Politik und Theater des Kosmos Theaters Wien. In der während eines Theatertreffens angesiedelten Satire dreht sich alles um toxische Strukturen.
Es gibt Kafkas „Verwandlung“, eine Selbstoptimierungs-Groteske („Der Dämon in dir muss Heimat finden“) und Science-Fiction, etwa in „Weiße Witwe“ von Regisseurin Kurdwin Ayub. Die Inszenierung der Volksbühne Berlin bietet ein Wiedersehen mit Ex-Kammerspiele-Star Benny Claessens – und eine Menge spektakulärster Schauwerte. In „Er putzt“ von Valeria Gordeev ist das zu begutachten, was der Titel verspricht: Konstantins obsessiver Drang zur Sauberkeit, eine Reaktion auf die Unordnung der Welt. Sein Slowmotion-Auftritt in bonbonfarbener Kulisse illustriert den detailverliebten Text um Care-Arbeit, Selbstliebe und alternative Männlichkeit, für den die Autorin 2023 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Regisseurin Marie Schleef hat daraus für das Staatstheater Wiesbaden eine wortlose und doch spannungsreiche Performance inszeniert.
Ungewöhnlich klingt auch „Rachel und ich“ von Lulu Obermayer und Rachel Troy, eine Koproduktion des Münchner Theaters HochX und Live Art München e.V. mit den Berliner Sophiensaelen und Theater Rampe.
ULRIKE FRICK
Alles Infos unter
www.muenchner-volkstheater.de