„Um etwas Menschenfreundliches“ geht es Tobias Kratzer bei allen Produktionen. © Ulrich Perrey
In den vergangenen Jahren ist die Hamburgische Staatsoper fast vom Radar verschwunden. Jetzt stehen alle Signale auf Umkrempelung: Neu-Intendant Tobias Kratzer, 45 Jahre, gebürtiger Niederbayer und in München aktuell mit Wagners „Ring“ betraut, beschert den Hamburgern unter anderem Glinkas Märchen „Ruslan und Ljudmila“, eine Uraufführung von Olga Neuwirth auf einen Text von Elfriede Jelinek (die Politgroteske „Monster’s Paradise“) oder Stockhausen als Kinderoper. Überhaupt bewegt man sich mit einer Fülle an Begleitveranstaltungen aufs (vor allem junge) Publikum zu.
Wird Hamburg jetzt ein Kratzer-Haus? So wie es früher die Münchner Kammerspiele unter Dieter Dorn waren?
Ich wurde schon wegen eines bestimmten künstlerischen Profils geholt. Und ich weiß bei jeder Produktion sehr genau, warum ich ein bestimmtes Team für ein bestimmtes Projekt ausgewählt habe. Aber ich habe auch Kolleginnen und Kollegen engagiert, die Dinge ganz anders als ich machen. Ich will ja keine Mono-Ästhetik oder gar Klone. Und ich versuche, meine Arbeit in Hamburg sehr stark von der DNA des Hauses, von seiner Tradition her zu denken. Und ich bin sicher bei den Inszenierungs-Prozessen der Kolleginnen und Kollegen dabei. Aber gerade weil ich die künstlerische Freiheit der Teams so wichtig finde, werde ich mich wohl sogar mehr zurückhalten als ein Manager- oder Dramaturgen-Intendant. Was allerdings passiert, wenn ich in einer Endprobe sitze und merke, dass etwas schiefgeht – das wird sich zeigen.
Grenzen der Gattung Oper sollen in der ersten Saison ausgetestet, vielleicht auch übertreten werden. Ist das eine Ansage für künftige Spielzeiten?
Es ist eine Ansage, aber auch ein Spezifikum der ersten Spielzeit. Wir bieten nichts Verschrobenes oder Unzugängliches, sondern Stücke, die mit offenen Armen aufs Publikum zugehen. Viele Regisseure ziehen ja ihre Kraft aus einer zynischen, ironischen Grundhaltung. Mir geht es aber um etwas Menschenfreundliches. Um Projekte, die wie Christopher Rüping in seinem Mozart-Abend „Die große Stille“ das Menschsein an sich erkunden. Und das ist manchmal wichtiger, als wenn ein großer, bekannter Titel drübersteht.
Ihr Eröffnungsstück, Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“, ist eigentlich ein typisches Lieblingsstück der Dirigenten.
Ich wollte es schon lange einmal machen. Es geht um diese arme Peri, einen orientalischen Engel, der aus dem Himmelreich gefallen ist, sämtliche Krisen der Welt durchwandert und wieder zurückwill. Und es dreht sich um die Frage, wie man mit künftigen Generationen umgeht.
Die Peri schafft es zurück mit den Tränen eines reuigen Verbrechers. Sind Sie ein Optimist?
Was die Weltlage betrifft, sehe ich die Sache deutlich dialektischer. Was die Zukunft der Hamburger Oper betrifft, bin ich ein großer Optimist.
Sie zeigen weiter Repertoire-Oldtimer wie „Liebestrank“ in der Regie von Jean-Pierre Ponnelle oder „Hänsel und Gretel“ von Peter Beauvais. Man sollte dem Publikum also seine Alte Pinakothek belassen?
Ich fände es total falsch diese Produktionen nur pflichtschuldig mitlaufen zu lassen. Oder zu behaupten, sie hätten denselben Bewusstseinszustand wie eine Neuproduktion. Deshalb begleiten wir sie engmaschig mit Diskussionsveranstaltungen oder Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern. Alte Pinakothek ist ein gutes Stichwort. Eine ältere Inszenierung ist ja immer auch das Ergebnis eines historischen Prozesses oder kondensierter Erinnerung. Man sollte die Geschichtlichkeit von Opernregie ernst nehmen und mitreflektieren.
Die finanziellen Rahmenbedingungen für Kulturinstitutionen werden nicht besser, im Gegenteil. Fürchten Sie die nächsten Jahre?
Innerhalb eines bestimmten, auch finanziellen Rahmens muss ich als Intendant ein Programm anbieten, das nehme ich als Aufgabe an. Aber dies tue ich ja auch, wenn ich an einem Haus als Gast inszeniere. Da gibt es auch ein Budget. Das Wichtigste bleibt die Planbarkeit von Bedingungen. Und da passieren zum Beispiel gerade in Berlin absurde, kurzfristige, unkalkulierbare Sachen. Dort bekommt man das Gefühl, dass Kulturpolitik nicht dafür da ist, um die Kunst zu fördern, sondern auch, um sie symbolpolitisch in Schranken zu weisen. Ich hätte dort keine Lust auf diesen Job.
Ihr Kollege Stefan Herheim sagt, er habe das Theater an der Wien auch übernommen, um sich künstlerisch neu zu definieren und zu positionieren – weil er vielleicht zu viel inszeniert hat. Geht es Ihnen auch so?
Nein. Ich wäre auch glücklich gewesen, wenn ich als freier Regisseur weiter inszeniert hätte. Aber als das Hamburger Angebot kam, hätte ich es als absurd verpasste Chance empfunden, es nicht anzunehmen. Und ich fand es für mich gut zu sagen: Ich mache das in einem Moment, an dem ich mich noch im Vollbesitz meiner künstlerischen Kräfte fühle. Erstmals Intendant sein, das ist schon ein bisschen, als ob ich eine Reset-Taste drücke. Abgesehen davon: Wie oft man plötzlich mit Blick auf diesen Job auf das angebliche jugendliche Alter angesprochen wird! In der Außenwahrnehmung ist das die perfekte Verjüngungskur. Als Fußballspieler wäre ich jetzt ja schon in Rente.