Ob die Münchner Philharmoniker wohl geahnt haben, was auf uns zukommt, als sie sich den „American Dream“ als Saisonthema wählten? Wohl eher nicht. Doch angesichts der oft chaotischen Meldungen, die beinahe täglich aus den USA zu uns herüberschwappen, kann es nicht schaden, hin und wieder auch wieder an die künstlerischen Bande zwischen der Alten und Neuen Welt erinnert zu werden.
Als diplomatischer Vermittler trat dafür in der Isarphilharmonie nun Komponist John Adams höchstpersönlich ans Pult. Wobei er neben eigenen Werken ebenfalls vier Baudelaire-Vertonungen aus der Feder von Claude Debussy in einer selbst erstellten Orchesterfassung präsentierte. Eine posthume transatlantische Kooperation, die auf Adams‘ Seite von großem Respekt gegenüber dem französischen Kollegen geprägt war. Etwas mehr kämpfen musste dagegen Solistin Christiane Karg, deren Sopran nach oben hin wunderbar aufblühte, aber gerade in den beiden ersten Liedern zuweilen vom Orchester zugedeckt wurde. Hier wirkte trotz entschlackter Besetzung wohl immer noch ein wenig das Eröffnungsstück des Abends nach.
Zum Auftakt hatte Adams nämlich das effektvoll lärmende „Short Ride in a Fast Machine“ gewählt, bei dem er laut Blick auf die Uhr sogar noch einmal die Referenz-Einspielung des Widmungsträgers Michael Tilson-Thomas überholte. Mehr Ruhe gönnte sich der Meister hingegen bei seiner 1985 uraufgeführten „Harmonielehre“, die heute mit Recht als moderner Klassiker gilt. Auch hier finden sich kleine Referenzen an Wagner oder Gustav Mahler, jedoch ohne dass Adams dafür seine eigene musikalische Identität aufgeben müsste. Mit ebenso klarer wie ökonomischer Schlagtechnik leitete er die Philharmoniker sicher durch die soghaften Klangflächen und Rhythmuswechsel. Mit besonderem Augenmerk auf die in stetigem Wandel wabernden Farbschattierungen in den Bläserstimmen. Und die konnten hier nicht nur mit martialischem Donnern, sondern vor allem durch ihr nuanciertes Agieren im zweiten Satz überzeugen.
Es mag sein, dass Orchester die von Wiederholungen und beinahe unmerklichen Verschiebungen geprägten Werke der Minimal Music in der Regel meist weniger schätzen als das davon berauschte Publikum. Doch falls dem so sein sollte, ließ man es sich hier definitiv nicht anmerken, sondern folgte dem dirigierenden Komponisten hoch motiviert. Was der Saal mehrfach mit begeistertem Zwischenapplaus und am Ende mit stehenden Ovationen honorierte.
TOBIAS HELL