Im Gespräch über die Spielzeit 2025/2026: Intendant Serge Dorny und Kulturredakteur Markus Thiel. © Geoffroy Schied
„Das Vertrauen des Publikums zu gewinnen, braucht Zeit“, sagt Serge Dorny. „Ich habe die ersten Jahre auch Zeit gebraucht.“ © Geoffroy Schied
291 Jahre Musiktheaterhistorie umspannt die Spielzeit 2025/2026 an der Bayerischen Staatsoper: von Händels „Alcina“ bis zur Uraufführung von Brett Deans Königinnen-Drama „Of one Blood“. Es ist die fünfte Saison von Intendant Serge Dorny und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski.
In der nächsten Saison gibt es ungewöhnliche Rollenbesetzungen. Manche Namen dürften hier unbekannt sein, man denke nur an die Premieren von „Die Walküre“ oder „Rigoletto“. Kreist die Opernszene in ihren Besetzungen zu sehr um sich selbst?
Wenn ich Wagners „Ring“ in Wien, London oder Mailand besuche, begegnen mir oft die immer gleichen Namen. Und zum Thema „Rigoletto“: Es gibt gerade viele großartige Sänger für die Titelrolle, nicht nur die bekannten Stars. Daher müssen wir den Kreis der Sängerinnen und Sänger erweitern. Es geht auch in dieser Hinsicht um die Zukunft der Oper – und um einen Generationenwechsel. Mit Tobias Kratzer und Vladimir Jurowski haben wir zum Beispiel überlegt: Wer könnte unsere nächste Brünnhilde sein? Nun ist es Miina-Liisa Värelä. Die großen Namen kommen ja trotzdem: Elina Garanca zum Beispiel wird in einer Wiederaufnahme Santuzza singen, Jonas Kaufmann den Calaf, Asmik Grigorian ist in zwei Produktionen dabei. Und diese Stars werden in den nächsten Jahren auch für Premieren engagiert.
Ihr Spielzeitmotto ist das Sartre-Zitat „Der Mensch ist, wozu er sich macht“. Mit Blick auf die aktuelle Weltlage bekommt das eine ziemlich negative, pessimistische Bedeutung.
Warum pessimistisch? Es bedeutet ganz allgemein: Wir kommen auf die Welt und haben es in der Hand, wie wir werden. Das ist gerade ein sehr aktuelles, sehr politisches Thema. Rigoletto fällt eine Reihe falscher Entscheidungen. Faust verkauft seine Seele. Und Alcina erinnert mich an gewisse Politiker, es geht ihr um die absolute Macht – sie kann Welten zerstören.
Wird das Theater mit seiner Aufgabe, die Gegenwart zu spiegeln, gerade von ihr überrollt?
Das ist die Realität. Kunst ist allerdings politisch im nobelsten Sinne des Wortes. Die antike Polis war ein zentraler Ort des Zusammentreffens, der Reflexion. All das betrifft die großen Operntitel, aber eben auch die unbekannteren. Nehmen wir „Die Nacht vor Weihnachten“, eine Märchen-Mythen-Liebesgeschichte, in der böse Geister gegen Frühlingsgottheiten kämpfen. Rimski-Korsakow hat 16 Opern komponiert, noch nie wurde eine auf der Bühne des Nationaltheaters gezeigt. Ein Spielzeitmotto kann uns also dazu bringen, nach weniger bekannten, aber eben passenden Opern zu suchen – die unseren Blick auf die Welt weiten. So wie es übrigens in der vergangenen Spielzeit mit Weinbergs „Die Passagierin“ passiert ist. Wir haben den Auftrag zu unterhalten, aber auch kritisch zu hinterfragen. Und wir entscheiden dabei nicht, was man denken soll. Wir liefern Angebote und laden zum Denken ein.
Gibt es nicht die Gefahr, dass Kunst gerade in einer Krisensituation wie jetzt in die Ablenkung, in den Eskapismus driftet?
Das soll nicht so sein. Ich glaube aber, das passierte viel mehr vor 20, 30 Jahren. Für die jüngere Generation heute ist das Nach- und Befragen wichtiger. Ich fand es ungeheuer interessant und aufschlussreich, auf welch großes Interesse „Die Passagierin“ stieß. Auch deshalb wird es eine Wiederaufnahme geben. Natürlich will man gern die Augen verschließen. Aber löst das Probleme? Haben wir dann eine bessere Welt? Ist nicht Handeln gefordert? Wir haben tragische Jahre in der europäischen Geschichte erlebt, nicht nur in Deutschland, in denen man die Augen geschlossen hat. Man kann in den Urlaub gehen, das ist Eskapismus. Kunst hat aber noch einen anderen Auftrag, sonst wird sie unbedeutend.
Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit seit Ihrem Amtsantritt 2021: Was hat Sie am Münchner Publikum überrascht?
Ich freue mich immer wieder über unser kenntnisreiches Publikums und seine enge Verbindung mit der Bayerischen Staatsoper. Das ist einzigartig, das habe ich nicht überall erfahren, wo ich gearbeitet habe. Dieses Publikum ist nicht konservativ, sondern neugierig. Wenn wir über die Zukunft der Oper sprechen, bedeutet dies auch Verbreiterung des Repertoires. Rund 50 000 Opern wurden komponiert – und wie viele spielen wir? Der Schlüssel für jeden Opernintendanten ist: Er muss für all dies das Vertrauen des Publikums gewinnen. Das braucht Zeit. Ich habe die ersten Jahre auch Zeit gebraucht und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski ebenfalls. Es gab einen neuen Dialog mit für München unbekannten Personen. Vertrauen aufbauen: Das ging Wolfgang Sawallisch und August Everding so, Nikolaus Bachler und Peter Jonas mit seiner Händel-Renaissance. Aber sich kennenlernen – das ist doch was Schönes.
Die nächste Spielzeit ist verkürzt, weil während der kommenden Sommerferien Sanierungsmaßnahmen anstehen.
Wir beginnen nach dreimonatiger Sanierung Ende Oktober. Alles ist sehr eng getaktet. Wir müssen das Haus, besonders was die Sicherheit und den Brandschutz betrifft, spielfähig halten bis zur Generalsanierung in den Dreißigerjahren. Wir nutzen das im Sommer für Tourneen nach China und Japan, das Ballett fliegt nach Barcelona. Ende Oktober beginnen wir mit einer konzertanten Aufführung von „Ariadne auf Naxos“ im Herkulessaal. Die erste Premiere ist dann Henzes „Die englische Katze“ als Produktion des Opernstudios im Cuvilliéstheater.
Und wo spielt die Staatsoper, wenn das Haus in den Dreißigerjahren vorübergehend geschlossen werden muss?
Es gibt natürlich Überlegungen, aber die Letztentscheidung liegt bei unserem Kunstministerium. Ich kann nur sagen: Es gibt Entwicklungen.