Wenn die Welt verloren geht

von Redaktion

Theater über Demenz: „Was ich vergessen habe“ im Marstall

Gegen das Vergessen: Steffen Höld, Pujan Sadri und Sibylle Canonica. © SANDRA THEN

Was bleibt, wenn alles verschwindet? Wenn im Kopf solche Unordnung herrscht, dass man sich an die Namen der Kinder nicht mehr erinnert? Der Abend „Was ich vergessen habe“ im Münchner Marstall beschäftigt sich mit der Demenz-Erkrankung und bleibt gerade deswegen nachdrücklich im Gedächtnis.

In unserer Gesellschaft, die immer älter wird, sind zunehmend mehr Menschen von der irreversiblen Krankheit Demenz und deren Ausformungen betroffen. Sich damit zu beschäftigen, solange man dazu noch in der Lage ist, scheint sinnvoll. Aber nicht unbedingt die erheiterndste Grundlage für einen Theaterabend. Doch der polnischen Regisseurin Anna Karasinska und dem Journalisten Jürgen Berger, der seit gut 20 Jahren immer wieder das „Demenzdorf“ Baan Kamlangchay in Thailand besucht, ist ein bewegendes Projekt über diese komplexe Krankheit gelungen. „Was ich vergessen habe“ befasst sich im Vergleich zu anderen Stücken über Altenpflege und Sterbebegleitung in erster Linie nicht mit den knallharten Fakten oder neuen Denkansätzen zur Linderung des Pflegenotstands. Sondern mit den Emotionen, die hinter den nackten Zahlen stehen und dem, was durch Demenz verloren geht.

Fünf Schauspieler – Sibylle Canonica, Steffen Höld, Patrick Isermeyer, Naffie Janha und Pujan Sadri – stehen auf der nüchtern wie eine Turnhalle gestalteten Bühne. In nahezu wortlosen Szenen zeigen die Schauspieler die Mühen, die für demente Menschen überall lauern, vom Pullunder-Anziehen bis zum Wasser-Eingießen. Der performative Ansatz, den Karasinska gewählt hat, ermöglicht es, hinter der Nachahmung das Schreckliche dieser zerstörerischen Krankheit zu erkennen. In improvisierten Dialogen wird deutlich, wie sich Erinnerungen verdichten, Fakten verschwinden. Stattdessen dominieren ausschließlich die Gefühle.
ULRIKE FRICK

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