Den Monarchen mit Migrationshintergrund, Otto I., beleuchten die Kammerspiele in „Bavarokratie“. © Renata Kotti
Zumindest der Auftakt ist zünftig, beim Zeus! Schon bevor es losgeht, verkaufen die Akteure Ouzo im Plastikstamperl ans Publikum, auf dass alle gleich in richtig griechische Stimmung versetzt werden. Und auch Amelie Unhochs Kostüme ergeben ein Bild für Götter: Die drei Männer und zwei Frauen auf der Bühne, die allesamt schneidige Schnurrbärte im Gesicht kleben haben, stecken in einer stark stilisierten griechischen Nationaltracht, zu der sie allerdings waschechte Haferlschuhe tragen.
Passend dazu geht die bayerisch-hellenische Symbiose tänzerisch weiter mit einer Mischung aus Sirtaki und Schuhplattler. Da ist es natürlich nur konsequent, dass zwei Akteure die meiste Zeit Griechisch sprechen, während das Deutsch der Übrigen leider nur sehr selten ganz entfernt das Bairische streift. Musikalisch hingegen tendiert dieses Satyrspiel eher puristisch in Richtung Andachtsjodler und Zitherklang, wo doch ein paar Akropolis-Adieu-Schnulzen nicht geschadet hätten: wenn schon „Synkretismus“ (zu Deutsch: Mischmasch), dann bitte gern richtig saftig mit weißen Rosen aus Athen!
„Bavarokratie“, also Bayernherrschaft, heißt diese völkerverbindende Performance auf historischer Grundlage, die im Werkraum der Kammerspiele uraufgeführt wurde – und Ende April auch in Athen gastieren soll. Ob die Zuschauer dort allerdings gleich in homerisches Gelächter ausbrechen werden, bleibt fraglich, denn der Abend deliriert sehr frei an der Geschichte jenes glücklosen Wittelsbacher-Prinzen entlang, der als Otto I. von 1832 bis 1862 König von Griechenland war, nachdem das Land im Freiheitskampf die osmanische Fremdherrschaft abgeschüttelt hatte.
Heute kündet von dieser bayerischen Episode der griechischen Geschichte immerhin noch die weiß-blaue Nationalflagge der Hellenen. Otto selbst hingegen, der Monarch mit Migrationshintergrund, schimmert verschwommen durch die Schwaden des Vergessens; obwohl (oder weil?) er den Griechen sogar eine Verfassung „geschenkt“ hat, ist er als Regent wohl eher peinlich als tragisch gescheitert. Insofern darf man die Aufführung durchaus kongenial nennen, denn Text und „Handlung“ sind ein heilloser, um nicht zu sagen epischer Schmarrn.
Schon für die Sisyphosarbeit mit solchen Stoff-Trümmern hat die Regisseurin einen Lorbeerkranz verdient: Paula Schlagbauer, die mit dieser bayerisch-griechischen Promenadenmischung die Abschlussinszenierung ihres Regiestudiums an der Otto-Falckenberg-Schule vorlegt, versucht sich folgerichtig an einer Art Antitheater und spielerischem Dada-Geblödel samt Papierkrönchen. Oder ist es gar eine Reminiszenz an Achternbusch-Filme mit ihrem Art-Brut-Gestus? Auf all dies könnte jedenfalls der kühn zerdehnte, stockende Rhythmus hindeuten, der womöglich im gelegentlichen Versiegen des Plapperstroms eine erratische Sprachscham ausstellt. Oder aber: Allen Beteiligten ist einfach manchmal nichts Gescheites eingefallen.
Unser Tipp: vorher zwei Stamperl Ouzo kippen, dann kann man genauso begeistert applaudieren wie das Premierenpublikum.
ALEXANDER ALTMANN
Weitere Aufführungen
am 21. und 22. März sowie am 22. und 23. Mai.