Enttäuschung macht sich breit in der Isarphilharmonie, als Ivo Pogorelich trotz euphorischem Applaus ohne Zugabe den Saal verlässt. Gleichzeitig hat man Verständnis. Was soll nach dieser bis ins kleinste Detail durchdachten Interpretation des zweiten Klavierkonzerts von Rachmaninow noch kommen? Ein Nocturne, um das Adrenalin wieder abzubauen? Oder ein weiterer Beweis seiner Virtuosität, an der zu diesem Zeitpunkt eh niemand mehr zweifelt? Nein, Pogorelichs Lesart des Klassikers ist dank ihrer Intensität stark genug, um für sich zu stehen. Angefangen von den gewichtig angeschlagenen ersten Akkorden bis zum wilden Finale ist kaum Zeit zum Atemholen. Pogorelich hat keine Angst vor spätromantischen Exzessen. Wobei Spannung ebenso in den ruhigen Passagen zu spüren ist. Möglich gemacht wird dies erst durch Dirigent Julian Rachlin, der das Jerusalem Symphony Orchestra auf Trab hält, den Pianisten aber nie aus den Augen verliert. Gleiches gilt bei Brahms‘ Vierter, die von Rachlin durchgepeitscht und vom Publikum ähnlich bejubelt wird. Die Gäste aus Israel legen mit Tschaikowskys „Dornröschen“-Walzer sowie Brahms fünftem Ungarischem Tanz zwei feurige Zugaben nach.
TOBIAS HELL