Liebevoll und analytisch: Kaveh Akbars erster Roman. © Birbiglebug/ Hanser
Kaveh Akbar, Lyriker, 1989 in Teheran geboren und in den USA schreibend und lehrend, erzählt in seinem Romandebüt von Cyrus Shams, Schriftsteller, 1988 in Teheran geboren und in den USA das Schreiben versuchend. Shams plant ein Buch über Märtyrer; Akbars Werk heißt „Märtyrer!“. Dass so ein Titel, nun ja, schwierig ist in Zeiten, in denen sich mordende Attentäter gern als Märtyrer verklären, weiß der Autor. Er bedankt sich sogar im Nachwort dafür, „dass ich ein Buch ,Märtyrer!‘ nennen durfte“, und thematisiert im Text selbst Cyrus’ Sorge im Hinblick auf den ihn umgebenden Rassismus und die Schere im Kopf: „Und wenn man ein iranischer, irgendwie muslimischer Mann in einem Land ist, das diese beiden Dinge hasst, schon einzeln, und dann noch über Märtyrertum schreibt, wirklich fieberhaft darüber nachdenkt… Es fällt schwer, da nicht an so was zu denken wie: ,Was würde jemand, der mich hasst, davon halten.‘“
Das gute alte christliche Märtyrertum, das Gewalt erduldete und nie ausübte, ist heutzutage überschrieben vom islamistischen Töten/Getötet-Werden. Das wollen Akbar als reale Person und Shams als seine fiktive Figur ihrerseits überschreiben. Cyrus Shams sucht nach dem Tod, der nicht sinnlos ist, sondern irgendwie von Bedeutung. Er findet dabei das Leben, dem jedes Individuum selbst Sinn (v)erschaffen muss; nur dann bekommt das Sterben, das Nicht-mehr-Sein seinen Sinn.
Als wir Cyrus das erste Mal begegnen, ist er länger schon dabei, sich planlos mit Alkohol und Tabletten umzubringen. Er glaubt immerhin plötzlich, dass Gott ihm ein Zeichen gibt. 2017, zwei Jahre später, ist er trocken und bestreitet seinen Lebensunterhalt damit, Todkranke zu spielen. Medizinstudierende müssen mit ihm ihre Kommunikationskompetenz trainieren. Schlimmer ist die Unbegreiflichkeit des Todes jedoch in der Figur der Mutter Roya. Sie kam 1988 ums Leben, als im Irak-Krieg ein Schiff der US-Marine ein Passagierflugzeug mit 290 Menschen versehentlich abschoss. Cyrus war ein Baby, mit dem der verzweifelte Vater Ali in die USA ging. Auch er nun gestorben.
Surreal-wahnwitziges Symbol der schlechten Tode ist sein Onkel Arash. Er wurde ab 1984 als „Engel der Nacht“ verkleidet (Pferd, schwarzer Umhang, Schwert, Taschenlampenlicht von unten) von der iranischen Armee auf die Schlachtfelder geschickt: nicht um den Verwundeten zu helfen, sondern sie als scheinbarer göttlicher Bote von der Selbsttötung abzuhalten. Die Qual um ihn herum machte ihn seelisch krank. Als hilfreiches Symbol des guten Todes begegnet Cyrus schließlich die Malerin und Performancekünstlerin Orkideh, die in einem New Yorker Museum öffentlich stirbt, dabei Tag für Tag mit den Besuchern spricht und ein großes Geheimnis trägt.
Sie wird für Cyrus zum Katalysator bei seiner Sicht auf sich selbst, die Kunst und damit natürlich auf sein Schreiben. Er kann endlich empfinden, was Orkideh als Gnade kennzeichnet, nämlich die Hilfe und Liebe anderer Menschen, die eigenen Kräfte, die glücklichen Zufälle. Am Ende imaginiert das der junge Mann in einer turbulenten Traumsequenz – und zugleich eine Art Weltuntergang. Ob das alte Leben verlischt, ob ein neues beginnt, lässt Akbar offen.
Dem Dichter ist ein faszinierender Romanerstling gelungen. Er erzählt so schonungslos wie humorvoll, so reflektiert wie gebildet, so liebevoll seinen Figuren zugewandt wie kritisch, so einfallsreich fabulierend wie durchdringend analysierend. Das Teheran nach dem Mullah-Machtantritt kommt uns nahe, genauso das von Armut geprägte Leben Eingewanderter im Mittleren Westen der USA. Not, Gefährdung, Schmerz und Tod webt Kaveh Akbar in „Märtyrer!“ fest in den Teppich des Lebens ein – freilich so, dass klar ist: Das Leben zählt.
SIMONE DATTENBERGER
Kaveh Akbar:
„Märtyrer!“. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs. Rowohlt Verlag, Hamburg, 397 Seiten; 24 Euro.