Gut gelaunt in die Hölle

von Redaktion

Cembalist Mahan Esfahani beim Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater

Mahan Esfahani vor seinem Cembalo. © Deutsche Grammophon

„Fortschritt“ ist in der Kunst ein fragwürdiges Konzept. Kaum ein Instrument hat darunter so zu leiden wie das Cembalo. Der Gast-Solist des Münchener Kammerorchesters, Mahan Esfahani, aber versteht, es als mehr glänzen zu lassen und nicht als überwundene Vorstufe zum Flügel abzustempeln. Das Ensemble – unter Führung von Konzertmeisterin Yuki Kasai gewonnt einhellig, reich im Klang, blitzwendig – eröffnete mit Othmar Schoecks „Sommernacht“. Die imaginiert 1945 in der Asche des Weltenbrands eine Schweizer Pastoral-Idylle mit Sehnsüchtli nach einem blütenreinen Wagnerismus. Wie viel moderner dagegen Carl Philipp Emanuel Bachs e-Moll-Cembalokonzert, 200 Jahre älter, mit seinen verblüffenden, zerklüfteten Gedankenwendungen! Dessen Sturm und Drang Esfahani nicht prometheisch, sondern aus schwermütigerer innerer Aufgewühltheit schöpfte. Dann gut gelaunt ins Inferno: Boccherinis Sinfonia „La casa del diavolo“, Don-Juan-inspiriert, ließ den Verführer im Andantino auf Samtpfoten dahertrippeln und stürzte sich in eine furiose Höllenfahrt im Dreiertakt. Das hatte Zunder! Wer wollte danach noch in den Himmel?

Dagegen Louis Andriessens „Ouverture to Orpheus“ (1982) für Solo-Cembalo ein tastendes Zupfen auf der Lyra, aus dem archaischer Gesang erwächst. Esfahani lauschte den kargen Intervallen ergreifend das dunkle Echo des Abgrunds ab. Eine der vielen Pointen in Martinus Cembalokonzert (1936): einen Konzertflügel ins Ensemble zu verbannen. Der Kopfsatz wirkte, als wolle aus einem Bach’schen Cembalo- ein Mozart’sches Klavierkonzert schlüpfen. Das Adagio fand in der Ironie Momente echter Entrücktheit, das Finale war scharfes Duell zwischen manischer Motorik und munterer Melodik mit zwei Gewinnern. Ein wunderbarer Abend, der bewies: In der Musik verläuft zwischen Vergangenheit und Zukunft keine Einbahnstraße.
THOMAS WILLMANN

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