Herausragender Schmuckkünstler: Warwick Freeman.
Naturnahe, bisweilen schelmische Kunst: Im zweiten Obergeschoss der Pinakothek der Moderne wird das Werk von Warwick Freeman klug und elegant präsentiert. © Astrid Schmidhuber (2)
Entschuldigung, aber man muss es doch anmerken: Die Studierenden aus Seoul, Südkorea, stehlen dem Meister aus Auckland, Neuseeland, fast die Schau. Immer zur Zeit der Münchner Handwerksmesse präsentiert Die Neue Sammlung – The Design Museum in der Pinakothek der Moderne eine international prägende Persönlichkeit des Autorenschmucks sowie eine Nachwuchsgruppe aus einer der Akademien rund um den Globus. Heuer darf sie sich zum Glück endlich richtig in Szene setzen. Früher wurde die Jugend in ein „Besenkammerl“ gesperrt, nun tritt sie direkt auf vor dem Mega-Setzkasten, der ins Designmuseum lockt.
Der Nachwuchs sprüht vor Ideenlust
Die 40 jungen Schmuckkünstlerinnen und -künstler sprühen vor Ideenlust zwischen Schockieren-Wollen und Frappieren-Können. Sie gehen in die Tiefe ihrer unglaublich vielfältigen Materialien und ihrer Tradition, um mit profunder handwerklicher Kompetenz in die Gegenwart und Zukunft zu springen. Sie werden in der Abteilung für Metall und Schmuck am Design-College der Kookmin-Universität von Lee Dongchun ausgebildet. In München zeigt sich ihre Schau „Mindful Mining“ selbstironisch in aufgeklappten Pappkartons.
Die Preziosen schütteln das Preziöse ab und wollen Alltag sein, der verrückt spielt. Es gibt Poppiges wie den Klapp-Menschen aus Polymer-Ton von Yoon Seonyoung, Organisch-Handschmeichelndes wie von Sim Yewon aus Hanfstoff, traditionellem koreanischem Lack und Silber, es gibt Technoides wie den Schaltkreis von Jeong Shihwa aus Edelstahl und Silber, öfters Unheimliches wie die Brosche aus Hefe, Bakterien (lebt sie noch?) und Silber von Oh Subeen. Beeindruckend ist, wie selbstverständlich die Studierenden auf „altes“ Handwerk (Papier, Lack, eine Art von Email) zugreifen und es mit Materialien von Seelachshaut bis Zuckerrohr kombinieren.
Die Ruhe eines gereiften Werks ist dagegen im zweiten Obergeschoss der Rotunde zu genießen. Warwick Freeman (Jahrgang 1953) gilt längst als einer der wichtigsten Schmuckkünstler unserer Zeit. Ihm richten Die Neue Sammlung in München und Objectspace in Auckland eine Retrospektive aus, die darüber hinaus im Dowse Art Museum, Wellington, zu sehen sein wird. Unter dem Titel „Hook Hand Heart Star“ (Haken Hand Herz Stern) wird im weiß-schwarzen Raum Freemans naturnahes, bisweilen schelmisches, sich selbst nicht zu ernst nehmendes Schaffen dem Publikum klug und elegant vorgestellt.
Komponiert haben den Reigen der Künstler selbst, Petra Hölscher vom Design-Museum, die außerdem alles organisiert, sowie Objectspace-Chefin Kim Paton und Kurator Bronwyn Llody. Das Zeichenhafte vieler Formen hat Warwick Freeman fasziniert. Deswegen stellte er Ende der Achtzigerjahre (noch recht biedere) Silberarbeiten zu der Reihe „Farn Fisch Feder Rose“ zusammen. Wer mit dem Aufzug in die lichte Höhe der dritten Pinakothek hinauffährt, stößt auf diesen Ausgangspunkt und bemerkt beim Rundgang unterschiedliche und unterschiedlich hervorgehobene „Serien“ wie etwa die einheimische Muschel (Paua), die in großen Bruckstücken wie ein Gemälde in einem hohen Bilderkasten inszeniert ist. Zeichen werden gesetzt, und jeder ist frei, sie auf seine Weise zu lesen.
Augenzwinkernde Quadratur des Kreises
Der Künstler erinnert mit seinem Konzept – verklausuliert – in München an einen Münchner, der für ihn wegweisend wurde: der legendäre Hermann Jünger, Professor an unserer Kunstakademie. 1982 gab er in Wellington einen Kurs und forderte die Teilnehmenden mit der scheinbar simplen Figur des Kreises heraus. Warwick Freeman nimmt diese Herausforderung an. Und jetzt schließt sich ausgerechnet in einer Rotunde der Kreis – samt augenzwinkernder „Quadratur“, schließlich sind zahlreiche Vitrinen-Quadrate und -Rechtecke mit seinen Arbeiten ins Runde eingefügt.
Der Könner trumpft mit seinem Werk nie auf. Es wirkt, als wolle er hinter Materialien wie Steinen, Lavaschlake, Hölzern, Perlmutt, Kunststoff, Silber und Fasern verschwinden. Fast alle Objekte machen kein Aufheben von sich, posaunen weder Bedeutsamkeit noch Virtuosität hinaus. Sie sind still, sogar kindlich-treuherzig verbunden mit der Natur Aotearoas, der Kultur der Maori und der Europäer: Nur konsequent, dass die Schau in einer Zeremonie geweiht wurde.
SIMONE DATTENBERGER
Bis 15. Juni,
Di. bis So. 10 bis 18 Uhr; Schau der Studierenden bis 21. April.