PREMIERE

Dinner for two

von Redaktion

Die Oper „Written on Skin“ an der Theaterakademie

Verbotene, tödliche Liebe: The Boy (Elmar Hauser) und die verheiratete Agnès (Annabelle Kern). © Cordula Treml

Löffelweise wird der Liebhaber genossen. Sein Herz als Tartar serviert: Es sieht im Prinzregententheater nicht so aus, als ob sich Agnès vor Ekel krümmt, vielleicht ist es eine ultimative Vereinigung. Seit der Uraufführung 2012 in Aix-en-Provence ist dieses Stück der letzte Schrei der Moderne, mancher adelte es gar zur besten Oper seit Bergs „Wozzeck“. George Benjamins „Written on Skin“ speist sich aus einer Erzählung des 12. Jahrhunderts und wurde oft nachgespielt. Aber der Neunzigminüter als Projekt für den Nachwuchs, das ist neu. Ein Risiko?

Gerade hier, in der Premiere der Theaterakademie August Everding, wird erfahrbar, welch dankbare Partien aus der Feder des heute 65-jährigen Benjamin geflossen sind. Alle eher lyrisch formatiert, mit Phrasenspannungen und Intervallausschlägen, bei denen den Stimmbändern keine Verletzungsgefahr droht. Im Gegenteil: Sängerinnen und Sänger dürfen sich, so ambitioniert die vokale Linienführung auch ist, Raum erobern, Farben und Nuancen für sich entdecken, sich manchmal auch im Melos verströmen.

Das klassische Beziehungsdreieck der Oper erfährt bei „Written on Skin“ eine neue Variante. Da ist Agnès, die unglücklich mit dem Protector verheiratet ist. Da sind aber auch drei Engel, die in diese irdische Welt eindringen. Einer, The Boy, soll für den Protector ein autobiografisches Buch fertigen. Erotische Kraftfelder geraten in Bewegung. Agnès verfällt The Boy, der sich wiederum dem Protector nähert. Am Ende steht ein Eifersuchtsmord, Agnès bekommt den Lover zum Dinner serviert.

Annabelle Kern erfüllt diese Partie mit feiner, lyrischer, souverän kontrollierter Intensität. Nie ist Überreizung zu spüren, wohl aber starke Identifikation. Elmar Hauser, als Gast für diese Produktion verpflichtet, lockt als The Boy mit dem Sirenengesang seines Countertenors. Und Jakob Schad entwickelt als Protector schon Star-Ansätze: mit Bariton-Erz, stark konturierter Tongebung und einer Fülle von Klanggrauwerten, in die sich allmählich andere Schattierungen mischen. Über große Ausstrahlung verfügen sie alle auf der Bühne, nicht nur diese drei. Wohl auch, weil sie von Regisseur Balázs Kovalik nie überfordert, sondern behutsam ins Geschehen eingebunden werden.

Ansonsten wird man nicht recht froh mit der Sache. Kovalik und Ausstatterin Angelika Höckner haben die Szene mit Denk-Zeichen vollgestellt. Eine Verrätselung, ein Surrealismus, der sich dieser eigentlich stringent erzählten Oper entgegenstellt, sie auch auf merkwürdige Weise entschärft: Slow Motion auf der Symbolhalde.

Doch immerhin gibt es noch Peter Rundel mit dem Münchner Rundfunkorchester. Die feinen Verästelungen und Seelenschwingungen der nie präpotenten Partitur macht er fühlbar. Und wenn George Benjamin in die Vollen greift, dann wird davon nie das Bühnenpersonal überspült. Ein enormer Aufwand und eine fordernde Vorbereitungszeit stecken in diesem neunzigminütigen Abend. Das wiegt umso schwerer, dürften doch alle Beteiligten in der künftigen Karriere dieser Oper nicht wieder begegnen. Was für eine Leistungsschau.
MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 25. und 29. März,
Telefon 089/ 2185-1970.

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