PREMIERE

Liebe als Leerstelle

von Redaktion

Kleines Innsbrucker Opernwunder mit „Eugen Onegin“

Verzweiflung im Brieferegen: Marie Smolka als so fragile wie intensive Tatjana ist das Zentralgestirn in Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung. © Birgit Gufler

Es ist kein Brief, den Tatjana in der zentralen Szene an Onegin verfasst, keine Entäußerung einer unbedingten Liebe. Gleich einen Stapel Blätter bekommt sie in die Hand gedrückt von einer älteren Dame, die hier nur „Sie“ heißt. Irgendwann werfen beide alles in die Luft. Ist es Tatjana in ein paar Jahrzehnten? Eine Erzählerin und Lenkerin? Die hinzuerfundene, wissende Figur bleibt in der Verkörperung von Eleonore Bürcher rätselhaft und scheint doch so vertraut. Vielleicht hat sie sich aus einer ähnlichen Geschichte in Tschaikowskys Stück verirrt. Und es ist auch egal, weil weite Denkräume in dieser Premiere geöffnet werden, in der ein kleines Innsbrucker Opernwunder passiert mit „Eugen Onegin“.

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr nähert sich dem Werk im Tiroler Landestheater auf vielen Ebenen. Natürlich wird ganz klassisch erzählt. Von der einzig wahren, letztlich unglücklichen Liebe, weil sich Onegin nicht überwinden kann und Tatjana einen alten Fürsten heiratet. Der emotionale Ausnahmezustand verführt, viele Male hat man das erlebt, zur Hyperpsychologisierung. Höckmayr tut das Gegenteil. Sie dimmt alles herunter auf ein Geschehen zwischen Stilisierung und Surrealem, in dem die kleinen, menschlichen Gesten eine umso größere Wucht entfalten. Etwa wenn sich Tatjana in ein Buch verkrallt, das sie im Angesicht Onegins erschrocken fallen lässt. Oder wenn der eifersüchtige Lenski, der Onegin zum Duell fordert, sich kurz die Pistole an die Schläfe setzt – ob man die Sache nicht gleich zu Ende bringen könnte?

Es ist ein Abend der stillen Zeichenhaftigkeit, der kühlen Suggestivkraft, der feingliedrigen, minutiösen Regie. Nie erlebt man dies als Figurendressur. Eine (Alb-)Traumwelt, in der sich Tschaikowskys schonungsloser Realismus (und der seines Vorlagedichters Puschkin) nur umso stärker herausschält. Die weiße, leere Szenerie von Ausstatterin Julia Rösler kommt mit ein paar fahrbaren Wänden aus. Die verengen sich, werden manchmal von den Personen selbst verschoben, als müssten sie um Freiräume kämpfen – oder sich schützen in engen Ecken.

Umso bedrohlicher der Chor, anfangs sieht man folkloristische Frühlingsgespenster, später wird ein Todesball in Schwarz gefeiert. Zur berühmten Polonaise exerzieren Smokingträger im Stechschritt. Die Kostüme zitieren das 19. Jahrhundert – eine aparte Mixtur aus Historisierung und Abstraktion. Und auch wer dem ganzen Konzept weniger abgewinnen kann (ein paar Buh-Rufer gab es): Wie alles umgesetzt wird, inklusive subtiler Lichtregie (Ralph Kopp), mit dem Gespür für szenische Balance, für das Woher und Wohin der Figuren, das hat große handwerkliche Klasse.

Zentralgestirn ist Tatjana, der Eva-Maria Höckmayr die größte Aufmerksamkeit widmet. Marie Smolka zeigt (und singt) sie als Femme fragile. Schlank ist ihr Sopran, eher hell, biegsam, keine der klassischen Breitband-Stimmen für diese Rolle. Eine sehr jugendliche, so zarte wie intensive Tatjana, neben der Jacob Phillips zwangsläufig etwas abfallen muss. Obwohl man diesem baritonkernigem Onegin alles abnimmt: den Hochmut, die Zerrissenheit, vor allem aber das Unentschlossene – so, als ob er sich vorwirft, in diese Tragödie geraten zu sein. Alexander Fedorov singt einen zupackenden, nie zu melancholischen Lenski, Bernarda Klinar ist eine Olga mit gut gepegelter Mezzo-Substanz.

Matthew Toogood dirigiert, als habe Tschaikowsky hier die Opernversion seiner „Pathetique“-Symphonie komponiert. Die Tempi sind gebremst, Details werden schön entwickelt. Ein kundiger Sachwalter ist mit dem flexiblen Tiroler Symphonieorchester am Werk. Manche Chorszenen klappern, das gibt sich gewiss während der Aufführungsserie. Was Toogood entgeht: Tschaikowskys Pointen, die Zuspitzungen. Auch das volkstümliche Kolorit schimmert eher matt. Das letzte Zusammentreffen von Tatjana und Onegin wird anmoderiert von „Sie“. Weil die Dame noch einmal diese Szene erleben möchte. Als ob es je eine Hoffnung aufs Happy End gegeben hätte.
MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 28., 30. März sowie
3., 13., 26. und 30. April;
Telefon 0043/ 512/ 52 07 44.

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