Tanzparty der Moderne

von Redaktion

Simon Rattle dirigiert bei Musica Viva

Applaus vom Chefdirigenten: Tuba-Solist Stefan Tischler (li.) mit Sir Simon Rattle. © Astrid Ackermann

Geradezu manisch heißt es in Luciano Berios „Laborintus II“ immer wieder: „Von… bis zu…“ Das Werk sticht quer durch die Zeiten, sucht Verbindung. Von alttestamentarischen Genealogien über Dante zu Ezra Pound bis zur Politik im Uraufführungsjahr 1965. Die Verlängerung ins Hier und Heute des ausverkauften Herkulessaals klappte nicht ganz: dessen Akustik schluckte vieles. Aber sonst war das bei Musica Viva durchaus lebendige Musik – nicht allein wegen der semi-szenischen Aufführung mit Tanzparty des Solostimmen-Chors zu Jazz-Einwürfen und Simon Rattle, der selbst zum Tamtam-Schlägel griff. Sprecherin Marie Goyette funktionierte gestisch in der Dante-Rolle – sprachmelodisch hätte eine Muttersprachlerin besser gepasst in die sehr farbtongenaue, vitale Interaktion von Sprache, Handlung, Musik.

Pierre Boulez’ „cummings ist der dichter“ zuvor hatte ein anderes Verhältnis zum Wort. Rattle kitzelte nicht Reste von Tonmalerei heraus, Vogelzwitschern oder Zwielichtdunst. Sondern folgte der analytischen Zerlegung, der Rekombination von Sinneinheiten. Um dann erst bei stehenden Vokalflächen, dank des famosen BR Chors, Sinn und Seele einfliegen zu lassen.

Helmut Lachenmanns „Harmonica“ greift noch tiefer zurück: zum Ursprung der Klänge im Körper, im Instrumentenkorpus. Die kompositorischen Konstruktionsprinzipien spielen hier Verstecken. Aber was Rattle und die instrumentale Extraklasse des BR-Symphonieorchesters hörbar machten: die unzähligen kleinen Schöpfungsakte, bei denen eben geschlüpfte Klangideen in Variationen durchs Orchester gereicht werden. Als Haupt-Inspirator: Tuba-Solist Stefan Tischler, mikrometerfein, kraftstark, blitzwach. Sein Schnaufen fand sich etwa als Schaben des Trommelrührens wieder, dazu tiefsttönende Flatterlippen als Flöten-Klingeltriller. Kurz vor Ende erst die Geburt der Sprache, drei unzusammenhängende Worte nur. Danach etliche „Bravos“ – die Lachenmann, zehn Jahre jünger als Berio und Boulez, persönlich empfing. (Mitschnitt am 1. April, 20.03 Uhr, BR Klassik.)
THOMAS WILLMANN

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