Seit über 20 Jahren leitet Michael Wollny sein Trio, in dem Eric Schaefer am Schlagzeug seine pianistischen Ideen komplementiert, rhythmisch mit- und weiterdenkt. Die Planstelle Kontrabass wurde gelegentlich neu besetzt, seit einigen Jahren füllt sie erfolgreich der Amerikaner Tim Lefebvre aus. Solche Vertrautheit erlaubt es, ohne Setlist auf die Bühne zu gehen, ganz auf offene Ohren und wachen Geist zu vertrauen. Und darauf, dass die Motive von den anderen richtig gedeutet und aufgegriffen werden und dass die Andeutung eines Themas genügt, um synchron die Richtung zu wechseln.
So kommt es, dass das Michael Wollny Trio in der Münchner Isarphilharmonie gerade einmal zwei „Stücke“ spielt – jeweils ein Dreiviertelstunde langer, beständig die Gestalt wandelnder Klang- und Ideenstrom. Wollny hat seine ästhetischen Antennen weit ausgefahren, um Signale und Anregungen aus allen Richtungen zu empfangen und zu verarbeiten. Da scheint klassische Klavierliteratur ebenso durch wie atmosphärische Filmmusik anklingt, da necken sich kecke Pop-Melodik und dissonante Tonverwirbelungen in friedlich-kreativer Koexistenz.
Das Genialische dabei ist, dass Wollny weder bloß zitiert noch den Konventionen irgendeines Stils oder Genres verhaftet bleibt, sondern alles gewissermaßen „wollnyisiert“ und scheinbar mühelos in seiner intuitiv-eigensinnigen Spielart von Jazz aufgehen lässt. Die Wechsel von Stimmungen, Tempi und Intensitäten bleiben kaum vorhersehbar, wirken im Nachhinein aber schlüssig und stringent. Das ist weder Mainstream noch Avantgarde (auch wenn es sich aus beidem speist), sondern atemberaubend freisinnige Gegenwartsmusik, die den vermeintlichen Gegensatz von hohem künstlerischem Anspruch und bester Unterhaltung aufhebt.
REINHOLD UNGER