Blick auf den Thora-Schrein: Die Simulation zeigt, wie die Synagoge aussehen wird. © HILMER & SATTLER und ALBRECHT
Gruppenbild mit Dame – die Bauhausmeister 1926 auf dem Dach des Gebäudes in Dessau (v. l.): Josef Albers, Marcel Breuer, Gunta Stölzl, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Walter Gropius, Herbert Bayer, László Moholy-Nagy und Hinnerk Scheper. © akg-images
Im Jahr 1936 nahm Gunta Stölzl (1897-1983) endgültig Abschied von Deutschland. „Ein Zurück gibt es ja doch nicht mehr und wo wäre auch dieses Zurück – das ist ja nicht mehr zu finden“, schrieb sie damals aus dem Schweizer Exil an ihren Bruder. Dorthin war die Künstlerin mit ihrem Mann, dem Architekten Arieh Sharon, und ihrer Tochter Yael vor den Nazis geflohen. Am Bauhaus in Dessau war die Weberin von 1925 an die erste Meisterin und wurde zur prägenden Figur des Textildesigns im vergangenen Jahrhundert. Geboren wurde sie als Adelgunde Stölzl am 5. März 1897 in München.
Nun gibt es doch noch eine Art von „Zurück“ – zumindest für einen kleinen Teil ihres umfangreichen Werks. Die Synagoge an der Reichenbachstraße, ein Baudenkmal der Neuen Sachlichkeit unweit des Gärtnerplatzes, wird derzeit vom Verein „Synagoge Reichenbachstraße“ um Rachel Salamander und Ron Jakubowicz saniert. Die Arbeiten sind in der Schlussphase und sollen noch heuer vollendet werden.
Den Vorhang vor dem Thora-Schrein wollen die Verantwortlichen mit Stoffen gestalten, die Gunta Stölzl einst gewebt hat. Tatsächlich ist es Rachel Salamander gelungen, in New York den Enkel der Künstlerin, Ariel Aloni, ausfindig zu machen – und ihn von ihrer Idee zu überzeugen. Aloni wird am 9. April nach München kommen, um die Stoffe zu übergeben.
Das ist ein Glücksfall, in vielerlei Hinsicht. Gustav Meyerstein entwarf 1930 die Synagoge, den seinerzeit modernsten Sakralbau der Stadt. Dem damals 30-Jährigen gelang es, im beengten Hinterhof der Reichenbachstraße 27 ein großzügig angelegtes Gebäude zu realisieren. Am 5. September 1931 wurde die Synagoge feierlich eröffnet. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Gebäude von Nationalsozialisten massiv verwüstet – aufgrund der dichten Bebauung in der Nachbarschaft wurde das Gotteshaus jedoch nicht niedergebrannt.
Allein diesem Umstand ist es letztlich zu verdanken, dass der elegante Bau heute noch steht – und bald wieder im neuen, alten Glanz leuchten wird. Stölzls Stoffe tragen dazu bei. Als junge Frau lernte sie ihr Handwerk an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München. Von 1917 bis 1918 war sie als Rotkreuzschwester im Weltkrieg; 1919 wurde sie am Bauhaus in Weimar aufgenommen. Eine erste Arbeit, die für Aufsehen sorgte, war der „Afrikanische Stuhl“ (1921) von Marcel Breuer – Stölzl gestaltete Sitzfläche und Lehne des Objekts. Außerdem entwarf sie die Stoffe für das Haus Sommerfeld von Walter Gropius, einem Schlüsselbau der Moderne. Nach Aufenthalten in Krefeld und der Schweiz kehrte Stölzl 1925 ans Bauhaus zurück, das mittlerweile nach Dessau gezogen war. Sie wurde Werkmeisterin in der Weberei, die sie von 1927 an in alleiniger Verantwortung leitete. Es sollte die kommerziell erfolgreichste Werkstätte werden.
Arbeiten von Gunta Stölzl finden sich heute etwa im MoMa in New York, im Victoria & Albert Museum in London oder in der Pinakothek der Moderne – sowie von 9. April an auch in der Reichenbachstraße. „Weben ist Aufbauen. Konstruieren von geordneten Gebilden aus ungeordneten Fäden“, hat die Künstlerin einst notiert. Ein Glück, das nun auch der Synagoge widerfahren ist.
MICHAEL SCHLEICHER
Weitere Informationen
zur Sanierung der Synagoge an der Reichenbachstraße gibt es unter synagoge-reichenbach.de.