AUSSTELLUNG

Fesche Fashion

von Redaktion

Das Textilmuseum Augsburg feiert das Dirndl

International: „Dirndl à l‘Africaine“ von Noh Nee (2024).

Floral: „Fleur Sauvage“ von Emanuel Burger (2024).

Hinein in die Klischeefalle: So inszeniert die Tourismusbranche Bayern. © Bernhard Rampf/Christoph Jorda (4)

Goldig: Couture-Dirndl von Gössl aus Salzburg.

Detailverliebt: Knöpfe eines Dirndls von Höck (1955).

In dem Örtchen in Niederbayern, aus dem Karl Borromäus Murr kommt, spielen Trachten keine große Rolle. „Weil Tourismus keine Rolle spielt“, meint der Direktor des Textilmuseums Augsburg trocken. Und nimmt damit bereits eine These der Ausstellung „Dirndl – Tradition goes Fashion“ vorweg: Die Tracht ist nicht bloß ein Gewand; sie wird und wurde immer wieder für politische oder wirtschaftliche Zwecke vereinnahmt.

Doch zunächst einmal ist sie einfach nur schön. Wer die Ausstellung betritt, wird gleich von drei Kleidern vor Alpenkulisse empfangen. Das Herz geht auf. Berge, Dirndl, fehlt nur noch Hüttenzauber und Kaiserschmarrn. Wenn Murr verrät, dass die Gipfel, die da auf der Fotowand unter weiß-blauem Himmel glitzern, von Künstlicher Intelligenz erstellt wurden, hat er uns da, wo er uns haben will. Sofort fühlt man sich erwischt: mit imaginären Wanderstiefeln mitten hineingetappt in die Klischee-Falle.

Die sehenswerte Schau erklärt, warum uns das passiert. Wie Heimatfilme, Tourismusbüros, Reiseveranstalter, Modeindustrie und Gastronomie das einstige bäuerliche Arbeitskleid zum Symbol für die große Freiheit in der Natur und das unverdorbene Leben auf dem Land im Gegensatz zum rauen Alltag in der verdreckten, dauergehetzten Stadt stilisieren.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts geht das los. Unfreiwillig komisch wirken die Aufnahmen von Städterinnen, die sich im Fotostudio im bäuerlichen Dirndl inszenieren. Eine junge Frau lässt sich 1895 gar mit Rechen und Sichel porträtieren. Hier spiegelt sich wider, wie sich die Gesellschaft durch die Industrialisierung verändert hatte: Wer es sich leisten konnte, verbrachte den Sommer am See oder in den Bergen – das Dirndl wurde zum modischen Ausdruck eines Lebensgefühls. Den Daheimgebliebenen schickte man Postkarten mit einem Foto von sich selbst in Alpenmontur. Selfie-Inszenierung anno dazumal.

Viel zu dieser Entwicklung trugen damals die Brüder Wallach in München bei. 1900 eröffneten die zwei jüdischen Brüder aus Westfalen ihr Geschäft – und machten das Dirndl gesellschafts- und stadtfähig. 1937 wurden sie von den Nationalsozialisten enteignet, mussten fliehen. Nach dem Krieg erhielten sie ihr Geschäft zurück, das 1984 schließlich an Lodenfrey verkauft wurde. Wer heutzutage in das Haus am Promenadeplatz spaziert und sich in dessen Trachtenabteilung umschaut, der versteht, was Murr meint, wenn er sagt, dass sich das Dirndl immer wieder neu erfunden habe. Die Kreationen von Designerinnen wie Lola Paltinger oder Andreas Kronthaler für Vivienne Westwood haben es in die Welt der Haute Couture erhoben. Die Ausstellung zelebriert einige der Kreationen, viele davon unverkäufliche Unikate.

Doch auch für 100 Euro bekommt man heute schon das ganze Gewand samt Schürze und Bluse. Auf einfachste Schnitte, billigste Materialien setzen die Massenproduzenten. Und stehen damit unfreiwillig in einer Tradition mit einer Frau, die maßgeblich für die Verbreitung des Dirndls verantwortlich war. Gertrud Pesendorfer (1895-1982), Nationalsozialistin durch und durch. Als Leiterin der „Mittelstelle deutsche Tracht“ entwickelte sie einfachere Schnitte, ging weg von der klassischen Aufteilung zwischen Sonntags-, Festtags- und Alltagstracht. Das Material war knapp, ein einziges Dirndl sollte reichen. Und das konnten sich die Damen dank vereinfachter Entwürfe selbst schneidern. „Hier verband sich das Dirndl mit der Blut- und Bodenideologie der Nazis. Letztlich war es eine Uniformierung auf dem Lande“, betont Murr.

Auch auf diesen historischen Aspekt geht die sehenswerte Ausstellung ein. Und leitet Raum für Raum weiter in die Gegenwart. In der in Sachen Mode alles erlaubt scheint. Unter den mehr als 100 Dirndl-Modellen sieht man auch solche, die Studierende der Deutschen Meisterschule für Mode entworfen haben. Das von Emma Wölfl ziert eine riesige goldene Schleife. Ein Spiel mit den versteckten Zeichen, die so ein Dirndl immer auch aussendet. Es macht schließlich einen Unterschied, ob rechts, links oder mittig gebunden – wer hier einen Fehler macht, kann böse Überraschungen erleben. Da ist schon so manches Lebkuchenherz gebrochen.
KATJA KRAFT

Bis 19. Oktober

Dienstag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr; Provinostraße 46, Augsburg

Artikel 6 von 11