Das Land nach seinem Willen formen: Vitalij Kowaljow als Fürst Iwan Chowanskij. © Inés Bacher, Maarit Kytöharju
Für den Dirigenten und Komponisten Esa-Pekka Salonen ist Salzburg schon lange vertrautes Territorium. Zuletzt reüssierte er hier am Pult der Wiener Philharmoniker. Doch was das Musiktheater betrifft, ist Salonen wählerisch. Ganze 14 Jahre ist es her, dass er seine letzte Opernproduktion an der Salzach leitete. Und umso gespannter darf man nun den Osterfestspielen entgegenfiebern, wo er ab 12. April Modest Mussorgskis episches Volksdrama „Chowanschtschina“ leiten wird.
Neue Instrumentation von Mussorgskis Oper
Eine Mammutaufgabe nicht nur für den finnischen Maestro und den britischen Regisseur Simon McBurney, sondern ebenso für dessen Bruder, den Komponisten Gerard McBurney, der aus den zahlreihen Vervollständigungen von Mussorgskis Fragment eine neue Fassung destillierte. „Chowanschtschina“ spukte Salonen schon länger durch den Kopf. Über die Jahre hatte es immer wieder Gespräche mit den McBurney-Brüdern gegeben. Und sogar eine Reihe von namhaften Bühnen, die sich für den neuen Blick auf das Werk interessierten. Warum die ursprünglich am Moskauer Bolschoi-Theater geplante Premiere am Ende doch nicht realisiert wurde, dürfte auf der Hand liegen.
„Wir hatten ein fertiges Konzept, aber plötzlich kein Theater mehr, nachdem auch die koproduzierenden Häuser das Projekt auf Eis legen wollten“, sagt Salonen. „Also waren wir sehr glücklich, als Intendant Nikolaus Bachler sein Okay für die Osterfestspiele gab. Salzburg ist ein großartiger Ort, um Musiktheater zu machen. Weil man hier zwar alle Gewerke eines Opernhauses zur Verfügung hat, aber nicht den alltäglichen Repertoire-Wahnsinn. Man ist ganz auf diese eine Produktion konzentriert.“
Die Musik Mussorgskis fasziniert Salonen seit seiner Jugend. Die Harmonik ebenso wie die hypnotische Kraft der endlosen Melodien, die er unter anderem bei konzertanten Aufführungen des „Boris Godunow“ genoss. „Ich freue mich, dass ich mich bei meiner ersten szenischen Mussorgski-Oper nun mit diesem Werk beschäftigen darf. Dieses behandelt viele Themen, die heute leider hochrelevant sind. Wenn man die Namen einiger Figuren austauschen würde, könnte es beinahe die aktuelle Ausgabe der ‚Prawda‘ sein.“
Tatsächlich ist man beim Blick ins Libretto beinahe sprachlos, wie wenig sich seit Mussorgskis Zeiten verändert hat. Angefangen vom religiösen Führer Dosifei, der den Glauben seiner Anhänger für politische Zwecke instrumentalisiert. Über den Militär-Coup des despotischen Fürsten Chowanskij. Bis hin zu seinem Rivalen Golizyn, der Russland verwestlichen und an Europa heranbringen möchte. „All diese Taktiken, mit denen Menschen in Machtpositionen ihre eigene Stellung sichern und ein Land nach ihrem Willen zu formen versuchen“, meint Salonen. „Klingt sehr vertraut, oder? Mir fällt keine andere Oper ein, in der sich die aktuellen politischen Entwicklungen so deutlich spiegeln.“
Die Frage, ob die Kunst etwas bewegen oder gar ändern kann, beantwortet Salonen mit Überzeugung. „Es ist ein Klischee zu sagen, dass Musik eine universelle Sprache ist. Aber es entspricht nun einmal den Tatsachen.“ Musik berühre uns auf einer Ebene jenseits des Verbalen. „Wir leben in einer Welt, in der das Konzept von Wahrheit gerne aus dem Fenster geworfen wird und man sich seine Nachrichten lieber in den Sozialen Netzwerken sucht. Deshalb denke ich, dass Kunst und Musik gerade jetzt umso wichtiger sind. Weil sie essenzielle Werte vermitteln, mit denen sich alle Menschen identifizieren können. Und das stimmt mich optimistisch.“
In diesem Kontext beschreibt Salonen unter anderem sein erstes Konzert nach der Pandemie, als schon das Stimmen des Orchesters eine tiefe emotionale Reaktion in ihm auslöste. Ein Gefühl, mit Menschen verbunden zu sein, die nicht nur einen Beruf, sondern die Leidenschaft zur Musik teilen. Hierzu zählt für ihn auch Gerard McBurney, mit dem er bereits eine komplettierte Version von Dmitri Schostakowitschs Opernfragment „Orango“ realisierte.
Auch für die Salzburger „Chowanschtschina“ liefert die Orchestrierung von Schostakowitsch die Basis. Wobei McBurney ebenso auf Ideen der Fassungen von Ravel und Strawinsky zurückgriff. Angesichts der Tatsache, dass wir viele Werke heute eher durch die Brille seiner Bearbeiter kennen, scheint es schwer, zum puren Mussorgski vorzudringen. Ein Einwand, den Esa-Pekka Salonen so nicht gelten lässt. „Gerards Idee war immer, dass wir uns in erster Linie auf die überlieferten Klavierskizzen konzentrieren. Aber ich finde es auch ein positives Zeichen, dass sich so viel Komponisten mit Mussorgskis Musik beschäftigt haben. Wenn sie Bach mit einem modernen Orchester aufführen, ist das auch nicht das, was er damals selbst gehört hat. Ein Mensch ist aber mehr als seine äußere Erscheinung. Die Wahrheit steckt für mich immer in den Noten selbst.“
TOBIAS HELL
Die Salzburger Osterfestspiele
starten am 12. April. Informationen zum genauen Programm
und zum Vorverkauf unter
osterfestspiele.at.