Das starke Ensemble prägt diese Inszenierung (v. li.): Pauline Fusban, Maximiliane Haß, Steffen Link, Jonathan Müller, Lorenz Hochhuth, Nils Karsten und Carolin Hartmann. © Gabriela Neeb
Bereits Heinz „Dieses possierliche Tierchen“ Sielmann wusste Bescheid: Nashörner sind alles andere als schwerfällig. An guten Tagen bringen sie es auf etwas mehr als 50 Stundenkilometer. Am Münchner Volkstheater schlägt der Tacho noch weiter aus – vor allem in der ersten Hälfte von Anna Marboes Inszenierung der „Nashörner“ von Eugène Ionesco (1909-1994). Am Donnerstag hatte der Klassiker des Absurden Theaters Premiere, die nach 105 rasanten Minuten (keine Pause, wozu auch?) heftig beklatscht und teilweise mit Standing Ovations gefeiert wurde.
Uraufgeführt 1959 und geschrieben unter dem Eindruck von Faschismus und Kommunismus, erzählt der französisch-rumänische Autor in seinem Stück von einer Stadt, in der sich immer mehr Menschen in Nashörner verwandeln. Einzig Behringer, der aus Ionescos „Mörder ohne Bezahlung“ in dieses Drama herübergewechselt ist, scheint immun gegen die Entwicklung zu sein. Zwar wird nie geklärt, was es mit den Vierbeinern auf sich hat, wofür sie stehen. Doch die Psychologie der Masse, die Gefahren des Opportunismus, das geile Gefühl der Macht, wenn man Teil einer großen Menge ist – diese Tierfabel verfügt über ausreichend Stoff für einen umfangreichen Überbau, der jede Menge Ankerpunkte in unserer Gesellschaft und Weltpolitik hat.
Marboe ignoriert diese nicht, hält ihre Arbeit jedoch in einem angenehmen, surrealen Schwebezustand, den die Ausstatterinnen Helene Payrhuber und Sophia Profanter mit fantasievoller Reduktion bei Bühnenbild und Kostümen unterstützen. Die Regisseurin zäumt die „Nashörner“ quasi von der anderen Seite auf: Sie arbeitet vor allem den Humor heraus, begegnet dem Text mit Slapstick, Musik und Bewegung. Sehr viel Bewegung. Felicia Nilsson hat mit dem Ensemble Choreografien erarbeitet, die rasant zwischen Show-Revue, Popkonzert und Stummfilm hin und her springen. Das setzt den Kessel ordentlich unter Druck und bringt die Produktion auf Betriebstemperatur. Dass dieser Ansatz die Inszenierung in manchen Momenten ausfransen lässt – geschenkt.
Marboes „Nashörner“ haben zwei große Aktivposten. Zum einen sind da die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler, denen es gelingt, aus Ionescos überzeichneten Typen wiedererkennbare Charaktere zu formen. Etwa Maximiliane Haß als Behringer, die dessen Hadern und Zweifeln trotz allen Trubels geschickt herausarbeitet. Steffen Links Daisy ist zum Niederknien kess. Und Pauline Fusban, die vom Residenztheater gekommen ist, zeigt als Wisser einmal mehr, welch Gewinn sie für das Haus ist.
Zum anderen hat die Wiener Regisseurin, die 2019 auch als Musikerin reüssierte, einen sehr simplen Kanon über „Das Leben als Nashorn“ geschrieben. Dann ließ sie die Künstliche Intelligenz (KI) Melodien dazu komponieren – als Schlager und Arie, als Punkrock- und Techno-Nummer, als Discofox und Ballade. Erschreckend gefällig, erschreckend echt. Eine (Gefühls-)Manipulation, der sich nicht nur die Figuren auf der Bühne, sondern irgendwann selbst das Publikum bei der Premiere nicht entziehen kann: Auf ein Mal singen alle mit.
Vielleicht ist das ja die größte Gefahr unserer Zeit, auf die Anna Marboe hier sehr kurzweilig hinweist: Dass wir alle uns in naher Zukunft zum Takt der KI bewegen. Und die kann uns dann sogar ein Nilpferd als Nashorn unterjubeln – wie auf dem Plakat dieser bemerkenswerten Inszenierung.
MICHAEL SCHLEICHER
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