Der laute Ozean

von Redaktion

Das legendäre Plattenlabel „Atlantic“ wird in einem Fotoband gefeiert

Nachdenklich: John Coltrane im Garten. © Jim Marshall

Die Perücke sitzt: Aretha Franklin, Queen of Soul.

Auf Klangforschung: Phil Collins wird im Atlantic-Stall der Achtzigerjahre solo zum Superstar. © Martyn Goddard

Baby, please! Otis Redding und Band gehen 1967 vor geballter Soul-Power in die Knie. © Fotos aus „Atlantic 75“, Taschen-Verlag

„Wenn du Glück hast, stößt du auf ein Genie“, hat Ahmet Ertegün gesagt. „Im Musikgeschäft macht ein Genie dich reich.“ Was die Frage aufwirft: Wie unermesslich reich muss Ertegün gewesen sein? Sein Schallplattenlabel Atlantic hatte deutlich mehr als nur ein Genie unter Vertrag – und sehr, sehr viele Stars: Ray Charles, Aretha Franklin, Crosby, Stills & Nash. Später die Rolling Stones, Led Zeppelin, AC/DC. Heute Ed Sheeran, Coldplay und Janelle Monaé.

Große Plattform der Popkultur

Die Geschichte dieses berühmten Labels – das natürlich wirtschaftliche Ziele verfolgte, aber zu einer der großen Plattformen der Popkultur wurde – liegt nun prächtig aufgemacht in einem Fotoband vor: „Atlantic 75“ zeigt die Künstler des Labels in historischen und aktuellen Fotografien. Da sehen wir John Coltrane nachdenklich im Garten seines Hauses im New Yorker Stadtteil Queens. Wir sehen Otis Redding auf der Bühne ekstatisch auf die Knie fallen. Wir sehen Dusty Springfield gespannt dem Produzenten Tom Dowd auf die Finger schauen. Und Bruno Mars lässig ins Mikro hauchen.

Im Branchen-Blatt Billboard erschien am 17. Januar 1948 ein unscheinbarer Artikel auf Seite 19: „Atlantic Diskery gibt ihr Debüt“. Im Herbst zuvor hatten die zwei leidenschaftlichen Jazzfans und besessenen Plattensammler Ahmet Ertegün – Sohn des türkischen Botschafters in den Vereinigten Staaten – und Herb Abramson – ein New Yorker Medizinstudent – sich von Ertegüns Zahnarzt 10 000 Dollar geliehen und beschlossen, selbst Musik herauszubringen. Zu ihnen gesellte sich Herbs damalige Frau Miriam, eine der wenigen weiblichen Führungskräfte im Plattengeschäft jener Zeit. Sie teilten die Liebe zur afroamerikanischen Musik.

Aus dem Label wurde bald eines, das Soul-Musik zu internationalem Erfolg führen würde. Als Ahmet Ertegün gebeten wurde, Soul mit einem einzigen Wort zu definieren, sagte er: „Aufrichtigkeit. Wir haben dieses Unternehmen mit Musik gegründet, die wir aufrichtig liebten. Und wir liebten die Musik, weil wir ihre Aufrichtigkeit spüren konnten.“ In Ahmets Bruder Nesuhi Ertegün – der die Jazz-Sparte des Labels vorantrieb –, den Produzenten Jerry Wexler, Arif Mardin, Tom Dowd und vielen anderen fanden sie Gleichgesinnte.

So paarte sich Nachkriegs-Unternehmertum mit untrüglichem Instinkt: Wilson Picket und Solomon Burke wurden zu Stars – aber kein Stern strahlte so hell wie Aretha Franklin. Die wusste, was sie an Atlantic hatte: Grenzenlose künstlerische Freiheit. „Sei du selbst, sagten sie immer wieder. Sie drängten mich, am Klavier zu bleiben, zu schreiben und sogar zu arrangieren. Sing keine Lieder, die du nicht fühlst.“ Die feministische Hymne „Respect“ ist nur eine in einer ellenlangen Kette von Soul-Perlen.

Anekdoten hat’s im Buch zuhauf: Wie Jerry Wexler den Sänger Wilson Pickett mit dem Gitarristen Steve Cropper in ein Hotelzimmer setzte, mit einer Flasche „Jack Daniel’s“ und der einfachen Aufforderung: „Schreibt!“ Heraus kamen die Soul-Evergreens „In the Midnight Hour“, „Land of 1000 Dances“ und „Mustang Sally“. Oder wie Ahmet Ertegün eine Party in London schmiss – als ihm plötzlich jemand auffiel, der Gitarre spielte und scheinbar nur B. B. King sein konnte. Doch das stimmte nicht. Als er den süßen Buben Eric Clapton mit dem gefühlvollen Ausdruck und dem erstaunlichen Klang sah, wusste er, dass er ihn unter Vertrag nehmen musste.

Wettrüsten im Bluesrock

Clapton kam – über Cream – ins Team und lieferte damit eine weitere Waffe im eskalierenden Bluesrock-Wettrüsten der Sechzigerjahre. Oder wie Ertegün in den Achtzigern Phil Collins beim letzten Mix von „In the Air tonight“ über die Schulter schaute – und das legendär wuchtige Schlagzeug-Intro inspirierte. „Er fragte: ‚Wo ist der Beat?‘“, erinnerte sich Collins. „Ich sagte: ‚Das Schlagzeug kommt gleich.‘ ‚Ja, das weißt du und ich weiß das, aber die Kids wissen das nicht. Du musst das Schlagzeug früher bringen!‘ Also fügten wir noch ein paar Drums hinzu und veröffentlichten es als Single.“

Heute gehört Atlantic zum Riesen Warner Music Group. Die Zeiten der Revolutionen und Genies sind vorbei. Aber immer noch kommen die Stars in den Atlantischen Ozean – von Lizzo über Cardi B bis Charli XCX. Ahmet Ertegün hat sie nicht mehr erlebt – er stürzte im Dezember 2006 hinter der Bühne eines Rolling-Stones-Konzerts in New York und starb wenig später im Alter von 83 Jahren. Die Popmusik, wie wir sie heute kennen, ist auch sein Vermächtnis.
JOHANNES LÖHR

„Atlantic 75“

Taschen, 462 Seiten; 150 Euro.

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