Die Isarphilharmonie in München. © Jens Hartmann
Teodor Currentzis ist ein wahrhaft faustischer Charakter: mit einem Bein in himmlischen Sphären, mit dem anderen im Pakt mit dunklen Kräften. Man könnte ihn Hexen- oder Zeremonienmeister nennen, Messias oder Exzentriker – vor allem aber ist er eines: Dirigent im ursprünglichen Sinn des Wortes dirigere. Einer, der lenkt, richtet, führt und herrscht. Und das tut er mit seinem Klangkörper Utopia, einem handverlesenen Festivalorchester, das als Medium seiner radikal persönlichen, tatsächlich visionären Klangvorstellungen fungiert. Kein Wunder also, dass ihm Gustav Mahler, dieser die Moderne vorausahnende und individualistische Komponist, liegt; und speziell die vierte Symphonie mit ihrem „Sehnen über die Dinge der Welt hinaus“, die im Lied vom „himmlischen Leben“ mündet.
Aphrodite Patoulidou, die sich zum Finalsatz in weißer Robe neben dem schwarz gewandeten Teodor Currentzis wie schaumgeboren positioniert, singt die Sopranpassage mit expressiv-entrückter Mimik – und spiegelt darin auch den die Partitur tanzenden Dirigenten. Currentzis selbst agiert wie ein Medium der Partitur, ein Sender, der sein gesamtes Umfeld auf Empfangen stellt: das Publikum im Zuhörmodus, das Orchester als Resonanzkörper und Verstärker seiner Botschaft (aber durchaus mit eigenem Charakter). Dabei verzichtet der Dirigent auf Podest wie Taktstock: weil er im Klang badet, weil es ihm nicht ums Taktzählen geht, sondern um eine Utopie des Klangs.
Diese Energie transportiert sich auch, wenn Currentzis nicht zu sehen ist. Im ersten Konzertteil mit Johannes Brahms‘ zweitem Klavierkonzert ist er hinter dem geöffneten Flügel verborgen. An diesem sitzt Alexandre Kantorow, ein offensichtlich und ohrenscheinlich besessener Pianist, dessen musikalische Intensität durchaus auch auf faustische Neigungen schließen lassen könnte.
ANNA SCHÜRMER