NEUERSCHEINUNG

Lebst du schon?

von Redaktion

Doris Dörries Essay über das „Wohnen“

Elke Heidenreich hatte vorgelegt. Ihr Essay „Altern“ war ein fulminanter Start für die Reihe „Leben“ des Hanser Verlags. Jede Seite ein Appell, die wachsende Zahl von Lebensjahren glücklich anzunehmen. Es wurde das erfolgreichste Buch des Jahres 2024. Insgesamt zehn Werke „über die zehn wichtigsten Themen des Lebens“ möchte der Berliner Verlag anbieten. Theresia Enzensberger widmete sich bereits dem „Schlafen“, Emilia Roig dem „Lieben“, Svenja Flasspöhler dem „Streiten“, Heike Geißler dem „Arbeiten“ – und nun macht Doris Dörrie alle Fenster ihres Lebens weit auf und erzählt vom „Wohnen“.

Sie tut es ganz so, wie die 69-jährige Schriftstellerin und Filmemacherin es immer tut, wenn sie ihre Leserinnen und Leser mit einem neuen Buch beglückt: Doris Dörrie kramt in eigenen Erinnerungen, spürt mit allen Sinnen nach, wie die Kindheit, die Jugend, das junge Erwachsensein, das Älter- und ein bisschen Weiserwerden geduftet, geklungen, sich angefühlt, geschmeckt haben. Wieder eine Frau, die mitten im Leben steht, wie man so sagt. Dörrie würde wohl hinzufügen: … und nicht nur in dem engen Raum, der Frauen oftmals zugestanden wurde und wird. Denn die Autorin möchte nicht allein darüber reflektieren, wie sehr eine Art, zu wohnen, von der eigenen Kindheit geprägt wird, „wie sehr wir Wohnmuster in uns tragen, die wir entweder imitieren oder gegen die wir revoltieren“. Sie hinterfragt auch kritisch, welche Räume uns qua Geburt/ Geschlecht zuerkannt werden, welche wir uns hart erringen müssen. Wohnen ist politisch.

Es ist ein Büchlein voller kluger Gedanken zu der Frage, die uns die schwedischen Möbelhäuser dieser Welt entgegenrufen – und die manchmal gar nicht so leicht zu beantworten ist: Wohnst du noch oder lebst du schon? Wieder schafft es Dörrie, dazu zu animieren, gedanklich die eigene Vergangenheit abzuschreiten, noch mal das Parkett im Elternhaus unter den nackten Kinderfüßen zu spüren; noch mal die Studentenbutze vor Augen zu haben, in der man sich auf wenigen Quadratmetern so erwachsen fühlte. Und sie lädt uns ein, zu hinterfragen, was von einem Leben, was von den Dingen, die man angesammelt hat, bleibt. Von ihrer verstorbenen Mutter hat sie unter anderem den Küchenhandschuh behalten. Manchmal steckt sie ihre Hand hinein. „Ich stehe in der Küche und bin einen kurzen Moment lang sie, die unablässige Hüterin des Hauses und der Familie. Wo war ihr Raum, frage ich mich wieder? Wo war sie wirklich?“
KATJA KRAFT

Doris Dörrie:

„Wohnen“. Hanser Berlin,
122 Seiten; 20 Euro.

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