Mit dem Literaturnobelpreis wurde Mario Vargas Llosa 2010 vom schwedischen König Carl Gustaf geehrt. © Montgomery
Autor, Teilzeitpolitiker und das Gewissen Lateinamerikas: Mario Vargas Llosa starb am Sonntag im Alter von 89 Jahren friedlich im Kreis seiner Familie. © PIERRE-PHILIPPE MARCOU
Um ein deutliches Wort war Mario Vargas Llosa selten verlegen. Die EU beispielsweise nannte er 2018 in einem Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine großartige Idee, die jetzt jedoch von nationalistischen Kräften in ihren Grundfesten bedroht werde. „Was alle diese Bewegungen verbindet, ist der Schlachtruf: Nationalisten dieser Welt, vereinigt euch gegen die EU! Was für ein Hohn – und was für eine Blindheit!“ Klartext, der fehlen wird: Vargas Llosa ist tot, er starb am Sonntag im Alter von 89 Jahren friedlich im Kreis der Familie in Lima.
Der Autor gehörte zu den bekanntesten Stimmen Lateinamerikas. Erste Gehversuche als Schriftsteller machte Vargas Llosa in jungen Jahren. Ein Resultat war das 1951 entstandene Theaterstück „Die Flucht des Inka“, das, wie sich der Autor erinnert, so entstand wie die meisten späteren Werke: „Immer wieder neu ansetzend und korrigierend, tausendmal einen völlig wirren Entwurf umarbeitend, der ganz allmählich, nach endlosen Abänderungen, seine endgültige Form annahm.“ Ein Hinweis auf die kreative Urgewalt des Autors – aber bisweilen auch, so monieren manche Kritiker, auf eine gewisse Beliebigkeit.
Längst nicht alles, was Vargas Llosa zu Papier brachte, konnte an den Erfolg seiner frühen Romane „Die Stadt und die Hunde“ (1963) oder „Das grüne Haus“ (1965) anknüpfen. Ein Grundmotiv aber schimmerte immer wieder durch: die kritische Auseinandersetzung mit Macht und Autorität vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spannungen in seinem Heimatland Peru. Vieles davon hat Vargas Llosa am eigenen Leib erfahren. Er durchlebte eine bewegte und schwierige Kindheit mit zahlreichen Umzügen, in deren Verlauf er erst im Alter von zehn Jahren seinen leiblichen Vater kennenlernte. Vor dessen Jähzorn flüchtete sich der junge Mario in die Welt der Bücher. Vor allem die Abenteuerromane des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas hatten es ihm angetan.
Die heldenhaften Kämpfe eines Grafen von Monte Christo oder der drei Musketiere – vielleicht ist darin auch eine Antriebsfeder für den politischen Einsatz Vargas Llosas zu sehen. Sein Augenmerk galt den Menschenrechten. Zum Beispiel als Mitglied der Widerstandsgruppe „Cahuide“ im Kampf gegen die Militärherrschaft unter Manuel Odria in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre. Oder Mitte der Achtziger als Vorsitzender einer Untersuchungskommission, die die Morde an acht Journalisten in dem von der Rebellenorganisation „Leuchtender Pfad“ beherrschten Gebiet um das Andendorf Uchuraccay aufklären sollte.
In diese Linie passte auch seine Kritik an der vom damaligen Staatschef Alan Garcia Ende der Achtzigerjahre betriebenen Verstaatlichung des Bankensektors. Es war dieser zeitweilig ungeheuer populäre Protest, der Vargas Llosa das Präsidentenamt bei den Wahlen 1990 anstreben ließ. Dass er bei diesem Urnengang einem Quereinsteiger, dem japanischstämmigen Agraringenieur Alberto Fujimori, unterlag, hat der erfolgsverwöhnte Schriftsteller anfangs nur schwer verwunden. Seiner Lust an der politischen Debatte konnte die Niederlage freilich wenig anhaben.
Zu seinen bekanntesten Romanen zählen neben „Der Krieg am Ende der Welt“ und „Das Fest des Ziegenbocks“ auch „Das böse Mädchen“ und „Der Geschichtenerzähler“. 2010 wurde Vargas Llosa mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für Schlagzeilen sorgte der Lebemann Vargas Llosa auch in der Rubrik „Privates“. 2015 machte die spanische Presse sein Verhältnis zu der philippinisch-spanischen Journalistin Isabel Preysler publik. Die bunten Blätter verfolgten zeitweilig begierig die Liaison zwischen der „Perle von Manila“, einst Gattin von Schmusesänger Julio Iglesias, und dem Literaturnobelpreisträger, der für die Beziehung seine zweite Ehefrau Patricia Llosa verließ. Seine große Liebe blieb bis zuletzt die Literatur. Die Kunst des Lesens nannte er einmal „das Wichtigste, was mir in meinem Leben passiert ist“.
JOACHIM HEINZ