Ein bunter Strauß Leben

von Redaktion

Das Diözesanmuseum Freising feiert die Lust am Sammeln

Eines der Heiligenbildchen, die fleißige Kinder bekamen.

Prächtig: Das Museum zeigt auch Fotos von Iwajla Klinke. Hier ein Bub, gekleidet als Pfingstl. Bei dem Brauch ziehen Burschen in Blumenkleid umher – und werden mit Wasser übergossen. Damit das Jahr reiche Ernten bringe. © Diözesanmuseum

Das kann ja Zufall sein. Und weil diese Geschichte auf dem Domberg von Freising spielt, nennen wir es göttliche Fügung. Da endet also die Ausstellung im Diözesanmuseum über das Glück des Sammelns mit dem Gemälde „Maria mit Kind und Engeln im Erdbeerfeld“ von Lucas Cranach d. J. Darauf zu sehen Maria mit dem Jesuskind, umringt von Engeln, die Erdbeeren naschen. Und wie nennt man diese roten Köstlichkeiten in der Botanik? „Sammelnussfrüchte“. Damit willkommen in einer Schau, die auch dank solch hübscher Details große Freude macht.

Das Sammeln als Glück und Wahn

Die Freisinger wissen einfach, wie sie selbst Menschen, die der katholischen Kirche kritisch gegenüberstehen, für sakrale Kunst begeistern können. Weil Museumsdirektor Christoph Kürzeder und sein Team es verstehen, das Christliche mit dem Weltlichen zu verbinden. Wer genau hinschaut, lernt viel darüber, wie wir wurden, was wir sind, und erkennt – im besten Falle sich selbst.

Wie in der Sonderausstellung „Sammeln. Glück und Wahn“. Auf einer Videoinstallation fliegen sie einem entgegen, lauter potenzielle Sammelgegenstände: Schallplatten, Gartenzwerge, Porzellan-Engelchen. Wer hier noch meint, selbst keinerlei Veranlagung zum Horten bestimmter Dinge zu haben, der fühlt sich im zweiten Raum möglicherweise ertappt. Hier zeigen einige Mitarbeiter ihre Lieblingsstücke. Eine Empfangsdame kauft sich jedes Jahr ein neues Dirndl, die Leiterin des Besucherdienstes hat jede Postkarte aufgehoben, die sie je geschickt bekam – und jedes Kinoticket, von Kindesbeinen an. Der Direktor sammelt Christbaumschmuck, Kisten über Kisten füllen sein Zuhause; seine Stellvertreterin hat etliche Schlümpfe aus Ü-Eiern aufgehoben.

Etliche Privatsammlungen hat das Diözesanmuseum in seiner 50-jährigen Geschichte übernehmen dürfen. 45 000 Objekte kamen zusammen. Anlässlich des Jubiläums möchten sie einmal die Stifter in den Mittelpunkt stellen. Und so erwartet einen Raum für Raum ein anderes Sammelsurium. Das von Josef Blatner (1895-1987) etwa. Als Denkmalpfleger in München hat er dazu beigetragen, dass die zerstörte Innenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg dem Ursprung entsprechend wiederaufgebaut wurde. Auf einer Leinwand sieht man Aufnahmen des Schutthaufens, der vor dem Krieg einmal der Marienplatz war. Man hätte alles auch in neuem Stil bebauen können, doch Blatner, der Sammler, trug das Alte wieder zusammen. Wollte bewahren, das Gefühl des Verlustes heilen. So wie er in seiner Wohnung am Platzl mit rund 2100 gesammelten Objekten eine Welt aus Barock und Rokoko einrichtete. Ein BR-Dokumentarfilm von 1962 über Blatner läuft im Röhrenfernseher. Und siehe da: Exakt im Raum, in dem der Porträtierte steht, stehen wir. Für die Ausstellung haben die Kuratoren Kürzeder und Steffen Mensch das Wohnzimmer nachbauen lassen.

Anrührend auch der Raum, der sich Heiligenbildern widmet. Josef Müller, Gründer des Münchner Verlags ars sacra, wusste genau, was er tat, als er damit begann, diese zauberhaften religiösen Druckgrafiken in Millionenauflage herauszugeben. Müller hatte bereits im 19. Jahrhundert erkannt, womit Soziale Netzwerke heute ungleich höhere Gewinne erzielen: Menschen lieben Bilder. Und Menschen sammeln gern. In Alben konnte man die Heiligenbilder einkleben, als Fleißbildchen wurden sie tüchtigen Kindern geschenkt. Eine ganze Generation wurde so in seiner Vorstellung des Jesuskindes, von Himmel und Engelein geprägt. In der Schau haben die Originalzeichnungen aus dem Archiv des Verlages, das das Museum erhalten hat, ihren Auftritt. Gerahmt hängen sie an den Wänden.

Was bewahrt man, was ist Ballast?

Viele weitere Überraschungen warten in dieser Schau. Bis man, nach einem besonders schrillen Wunderland des Sammelns, hineintritt in den letzten Raum. Eine grüne Wiese, gedämpftes Licht, Hocker in Erdbeerkörbchen-Optik. Auf sie kann man sich setzen, nur dieses eine letzte Werk, die Cranach-Madonna, auf sich wirken lassen. Und überlegen: Welche Dinge sind mir wichtig? Was möchte ich bewahren, was ist Ballast? Ein Moment der Stille – und damit eine schöne Erinnerung bei all der Freude am Dinge-Zusammentragen: Am Ende eines jeden Tages öfter mal sich selber sammeln.
KATJA KRAFT

Bis 3. August

Di. bis So. 9 bis 17 Uhr;
auch Gründonnerstag bis
einschließlich Ostermontag.

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