Alles andere als kalter Kaffee

von Redaktion

Europäische Kulturgeschichte: Liebeserklärung an die Bialetti

„Made in Italy“: Dieses Versprechen wird in die achteckigen Espressokannen von Bialetti eingebrannt. Nun wurde das italienische Unternehmen an einen chinesischen Investor verkauft. Heißt es künftig „Made in China“? © Bialetti

Bialetti – mit allen acht Ecken verkauft an einen chinesischen Unternehmer aus Hongkong. Da wird auch das Herz einer Teetrinkerin für einen Moment ganz schwer. Denn Bialetti, das ist doch Bella Italia von seiner am köstlichsten duftenden Seite. Nein, die Autorin dieser Zeilen mag keinen Kaffee. Aber sie weiß, wie sich das anhört, wenn es in der achteckigen Kanne mit dem lustigen gezeichneten Männchen als Emblem zu brodeln beginnt. Hat oft genug den Herd abwischen dürfen, wenn der einstige Freund mal wieder den richtigen Zeitpunkt zum Herunternehmen der Bialetti von der heißen Platte verpasst hatte. Die Kanne ist Kult. Ein Stück europäische Kulturgeschichte.

Ein Espresso für jeden, der schmeckt, wie beim Italiener

Und egal, wem man in diesen Tagen von der Übernahme der italienischen Firma durch einen Chinesen erzählt, immer folgt ein Ausruf des Entsetzens. „Meine Oma würde sich im Grabe umdrehen!“, stöhnt die Kollegin, deren Großmama aus demselben Land kam wie Alfonso Bialetti (1888-1970). Jener Mann, der der Welt mit jeder Tasse, die aus einer der von ihm entwickelten Kannen schwappt, ein bisschen Dolce Vita schenkt. Bialetti war kein Designer, er war sehr praktisch orientierter Erfinder. 1918 eröffnete er eine Fabrik für Aluminiumprodukte, saß also an der Quelle für ein Material, aus dem er seinen „Moka Express“ fertigte. 1933 kam die Zauberkanne auf den Markt. Der Anspruch: Ein jeder sollte daheim einen Espresso bereiten können, der schmeckt wie in einer italienischen Bar – „in casa un espresso come al bar“. Erst verkaufte er sie auf Märkten bei sich in der Region im Piemont. Doch sein Sohn Renato merkte bald, dass das, was sein padre da entwickelt hatte, viel mehr als kalter Kaffee war – er begann mit professionellem Marketing. Bialetti wurde zur weltweit größten Fabrik für Kaffeekocher.

Vielleicht auch wegen besagter Figur mit Schnauzbart und erhobenem Zeigefinger. Gezeichnet vom Comic-Künstler Paul Campani, nach Renatos Konterfei. Wie sehr der Porträtierte die Kanne liebte, wurde spätestens auf seiner Beerdigung klar: Renato Bialetti, der 2016 mit 93 starb, hatte verfügt, dass seine Asche nicht in einer Urne, sondern in einer großen Mokkakanne beigesetzt werde. Made in Italy. All dies? Interessiert den neuen Investor vermutlich nicht die Kaffeebohne.
KATJA KRAFT

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