Roswitha Quadflieg ist Schriftstellerin und Verlegerin.
Legendärer Faust-Darsteller und Meister der Deklamation – doch Will Quadflieg (1914-2003) hatte auch dunkle Seiten. © imago stock, Franziska König
Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Außer eine Tochter ist am Werk. Wie etwa die Tochter des großen Schauspielers Will Quadflieg, Roswitha Quadflieg, Grafikerin, Verlegerin, Autorin. Der Vater, eine Berühmtheit während des Krieges und ebenso danach, vor allem GoetheSpezialist, legendärer Faust-Darsteller, Meister der Deklamation, sendungsbewusster Klassikinterpret, hinterließ ein erst spät entdecktes Tagebüchlein. Tochter Roswitha (75) fand es vor nicht allzu langer Zeit in einem Nachlass-Karton ihrer Mutter.
Es umfasst die Zeit vom 13. März 1945 bis zum 21. Dezember 1946. Will Quadflieg war in dieser Zeit unermüdlich auf Rezitationsreise durch deutsche Städte. Auch auf Einladung des Oberkammandos des Heeres in Wünsdorf, das noch Anfang April 1945 sein Auftraggeber war. Befremdlich für die Tochter. Die Notate, die Eindrücke, Zitate auch aus Briefen jener Zeit erschüttern in ihrer politischen Ignoranz sie immer wieder aufs Neue.
Scharf geht die Mittsiebzigerin mit ihrem 2003 im Alter von 89 Jahren verstorbenen Vater ins Gericht. Ihm habe „Goethe als Scheuklappe“ gedient. „Er war einer, der immer davonkommt. Schöne Verse im Kopf, aber bewusstlos dem Eigentlichen gegenüber.“ An einem Brief ihres Vaters vom Januar 1946 empfindet sie mit kritischer Schärfe seinen „geschwollenen Stil, … dieses Raunen von unbekannten Mächten“ und vergleicht ihn mit Adolf Eichmanns Rhetorik während dessen Prozess in Jerusalem 1961. Aber Roswitha Quadflieg will nicht nur die ihn verachtende Tochter sein, sondern auch die den Schauspieler bewundernde. Und so gesteht sie, sich doch dann und wann seiner auf diversen Lyrik-Schallplatten festgehaltenen Stimme selig hinzugeben.
Warum die Autorin das alles die Welt wissen lassen will, erschließt sich letztlich nicht. Die Rolle Will Quadfliegs als hochfahrender Künstler ist bekannt, wenn auch vermutlich nur noch den Älteren und Alten. Kränze werden ihm schon lange nicht mehr geflochten. Selbst Tochter Roswitha gibt es auf. Die Recherche ist zu enttäuschend. Wichtiger scheint der Autorin, die hier mit ihrem Vater einen fiktiven Dialog führt, ihre eigene Haltung zu ihm zu überprüfen und politisch ihre Distanz ihm gegenüber zu behaupten. Wahrscheinlich hat sie selbst das Buch am nötigsten gehabt.
SABINE DULTZ
Will und Roswitha Quadflieg:
„Ich will lieber schweigen – Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter“. Kanon Verlag, Berlin, 320 Seiten; 26 Euro.