Vergebliche Liebe: Die Generalin (Daniele Macciantelli), Herrscherin über eine Fraueninsel, macht Il Conte (George Humphreys) den Hof. © Tobias Witzgall
Frauen sind friedlicher? Mit dem Klischee räumten Experten auf. Politikwissenschaftler aus Chicago und Montreal analysierten 193 europäische Regierungen aus den Jahren 1480 bis 1913, davon wurden 34 von Frauen geführt. Das Ergebnis: Königinnen waren 27 Mal häufiger in Kriege verwickelt als die Kollegen. Man nehme auch diese Insel: Obwohl die Damen dort an der Macht sind und sich Männer (zu deren Zufriedenheit!) am Herd halten, gibt es eine Armee mit einer Generalin an der Spitze. Die aber, so ist es halt in der Oper, von einem Bassbariton gesungen wird.
Es ist kompliziert in dieser „verkehrten Welt“, Originaltitel „Il mondo alla rovescia“. Antonio Salieri nahm sich dafür einen Text von Caterino Tommaso Mazzolà vor, der sich seinerseits bei Komödiendichter Carlo Goldoni bediente. Eigentlich hat man es sich in dieser Welt mit den Geschlechterrollen gut eingerichtet. Doch als La Generala zwei Europäer, einen Mann und eine Frau, von einer Schiffstour mitbringt samt deren sozialen Traditionen, droht das Biotop zu kippen. Das Ergebnis: Liebe über Kreuz, Gender-Verwischung, ruchlose Verwicklungen. Spätestens als der europäische Inselneuling Il Conte gesteht, dass ihm diese Welt gut gefällt, weil er endlich Lustobjekt sein darf und nicht aktiv ums andere Geschlecht werben muss, wird klar: Das Ganze ist eine Männerfantasie.
Kurz nach der Wiener Uraufführung 1795 rutschte der Zweieinhalbstünder durchs Raster. 2009 gab es eine Reanimation in Italien, 2010 eine in Neuburg an der Donau. Dass der nächste Versuch in der Mozartstadt Salzburg passiert, am Landestheater, entbehrt nicht der Pikanterie. Wobei: Die von Stück und Film „Amadeus“ genährte Todfeindschaft zwischen Mozart und Salieri ist bekanntlich Hirngespinst. Dennoch knüpfen Regisseurin Alexandra Liedtke, Bühnenbildner Philip Rubner und Johanna Lakner (Kostüme) listige Bande. Etwa wenn zum Staatsakt ein Sarastro-Verwandter unterm Sternenzelt, das Karl Friedrich Schinkel für die „Zauberflöte“ schuf, die Arme ausbreitet. Oder wenn im Finale die Schrift „Le nozze di Generale“ zu sehen ist und das Wort „Mozart“ durchgestrichen ist.
Die Handlung könnte zum Klamauk, zur üblen Travestieshow provozieren. Salzburg entgeht diesen Fallen. Im rosaroten Setting bekommt der Abend zwar schwule Schlagseite. Doch Regisseurin Liedtke setzt das nie als Überwürze ein. Das Thema Geschlechterrollen wird hinterfragt. Für Kunst-Nerds gibt es verfremdete bis übermalte Gemälde, Il Conte stellt halb nackt Botticellis Muschel-Venus nach. Und wenn die Säfte steigen, so die Moral des Stücks, ist letztlich egal, wer mit wem und warum.
Das Tempo der Aufführung ist hoch. Zu tun hat das auch mit Salieris Partitur. Der komponierte mit kräftigem Farbauftrag und hielt sich nicht übermäßig bei Empfindsamem auf. Sein typisch heroischer Ton kommt den Frauen zugute: Ihre Arien werden gern von Hörnern und Trompeten begleitet. Eine saftige, auf Wirkung schielende Musik. Immer wieder verdichtet sich alles zu kunstvoll geführten Ensembles, die beiden langen AktFinali lassen tatsächlich an Parallelmodelle aus Mozarts „Figaro“ denken.
Carlo Benedetto Cimento, Erster Kapellmeister des Hauses, tut das Richtige: Er vertraut auf die Musik. Das Mozarteumorchester muss er nicht anfeuern, sondern nur sorgsam koordinieren – die Damen und Herren haben hörbar Lust auf die Partitur. Daniele Macciantelli ist mit Augenblinkern, Uniformrock und am Rande des Nervenzusammenbruchs eine vokalkernige Generalin. George Humphreys (Il Conte) hat mit virilem Bariton Spaß am Part des Liebesdieners. Hazel McBain als Colonella und Vertraute der Generalin, auch Nicole Lubinger als europäische Marchesa wagen sich in ihren Bravour-Arien beherzt an Grenzen. Luke Sinclair (Amaranto) und Alexander Hüttner (Girasole), beide unterjochte Inselmänner, singspielen als selbstironische Naturkomiker. Auch alle anderen samt Chor wirken so animiert wie das Publikum: Standing Ovations.
Weitere Vorstellungen
am 30. April, 9., 11.,
14., 23. und 27. Mai;
Telefon: 0043/ 662/ 871 51 22 22.