„Skeleton Clique“: Die Fans sind nicht nur optisch die Erweiterung der Band. © Martin Hangen
Mit einem beherzten Sprung auf die Bühne eröffnet Sänger Tyler Joseph das Konzert der Twenty One Pilots in München. © Martin Hangen
Eine letzte Überraschung haben sie noch. Aber dafür brauchen sie die Hilfe des Publikums. Ein roter Kreis von fünf Metern Durchmesser markiert die Stelle mitten in der Arena, wo die Menge in der restlos ausverkauften Olympiahalle Platz machen muss. Drei Schritte zurück, weist Tyler Joseph die Fans an. Nach einigem Gerücke ist der Sänger der Twenty One Pilots zufrieden. Und bahnt sich mit seinem Bandkollegen Josh Dun ein letztes Mal den Weg durch die Massen, zu den zwei kleinen Podesten mit Piano und Schlagzeug, die die Crew in der Zwischenzeit im Kreis platziert hat. Um noch einmal auf Tuchfühlung zu gehen, umringt von ihren Anhängern die letzte Zugabe „Trees“ zu zelebrieren. Und die letzten Takte in die beiden Trommeln zu prügeln, die von Fans in die Luft gereckt werden. So ein Finale sieht man selbst in der Olympiahalle selten.
Es ist ein wilder und doch in sich stimmiger Mix und ein ziemliches Spektakel, das die Twenty One Pilots am Sonntagabend auf ihrer „The Clancy World Tour“ in über zwei Stunden Showtime darbieten. Wobei sie das Publikum immer wieder in Staunen versetzen. Gleich zu Beginn greift die Band tief in die Trickkiste. Tyler Joseph singt die letzten Zeilen von „Car Radio“, schaut direkt in die Kamera und verlässt die Bühne über eine Treppe auf der Rückseite. Drei Sekunden später erleuchtet ein Scheinwerfer die oberen Ränge von Block E. Im Lichtkegel steht der Sänger. Reißt sich die Maske vom Gesicht, die er während der ersten vier Lieder getragen hatte. Und genießt kurz die Verwunderung und den frenetischen Jubel der Fans.
Wie haben sie das gemacht? Ein Doppelgänger? Viel Zeit zum Grübeln bleibt dem Publikum nicht, keine Pause, keine Zeit zu verschnaufen. Und so geht direkt das Licht aus, auf den Monitoren erscheint ein Video, das vor Einlass aufgezeichnet wurde. Die Hauptdarsteller: die Fans im Olympiapark, die die Ikonografie ihrer Band zur Schau stellen. Rote Tapes auf schwarzer Kleidung, rote Wollmützen, Bandanas, Herzchenbrillen und schwarze Farbe an Händen und Körpern. Die Fans sind die Erweiterung des Duos aus Ohio.
Es kommt selten vor, dass Künstler so mühelos die ganze Halle mobilisieren. Tyler Joseph muss die „Skeleton Clique“ gar nicht auffordern – die Fans singen von allein und übernehmen ganze Passagen, wie die zweite Strophe von „Ride“. Es ist eine nicht ganz so stillschweigende Übereinkunft zwischen Publikum und Band, die derweil virtuos und vor allem fliegend die Instrumente wechselt. Klar, ein bisserl Musik kommt vom Band, sie sind ja nur zu zweit. „Heute Abend gibt es nur uns und euch“, sagt der Sänger zur Begrüßung. Und das ist mehr als genug.
Die Bühne, von Nebel umwabert, von Flammen umzüngelt, wechselt so blitzschnell die Optik, wie sich die Twenty One Pilots durch die Genres spielen. Pop, Rock, Indie, Elektro, Hip Hop: Die Amerikaner lassen sich nicht festlegen. So geschmeidig, wie sie sich durch die Lieder ihrer sieben Alben bewegen, bis aufs kleinste Detail perfekt abgestimmt mit ihrer Crew, ist der Abend ein Fest für Augen und Ohren. Und fürs Herz. Als Tyler Joseph einen Fan im Grundschulalter zu sich auf die kleine Seitenbühne holt, seufzt die Halle kollektiv verzückt. Um kurz darauf in Jubel auszubrechen, als Astrid textsicher den Refrain von „Ride“ mit Joseph singt. Bleibt am Ende nur die Frage: Wie haben sie das bloß gemacht?
KATHRIN BRACK