Höllentrip à la Carte

von Redaktion

Der Auftakt des Festivals „Radikal jung“ am Volkstheater

Nicht durchwegs eine Sternstunde: Szene aus Adrian Figueroas Inszenierung von „Draußen vor der Tür“. © Thomas Rabsch

In heroischen Zeiten wie diesen will man auch als Waschlappen von der Sprachfront nicht kneifen. Nennen wir sie also ruhig einen „Volltreffer“, die packende Inszenierung, die da zur Eröffnung des Festivals „Radikal jung“ am Münchner Volkstheater am Sonntagabend über die Bühne ging: Wolfgang Borcherts Nachkriegs-Klassiker „Draußen vor der Tür“ (1947), eine Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses, brilliert mit zündenden Ideen, und Regisseur Adrian Figueroa beweist eine bewundernswerte handwerkliche Meisterschaft.

Schon das Bühnenbild ist ein Ereignis

Er lässt die Geschichte vom Kriegsheimkehrer Beckmann an einem irrealen Nichtort in Schwarz-Weiß spielen, und hier ist schon das Bühnenbild von Irina Schicketanz für sich ein Ereignis: manchmal besteht die Szenerie nur aus einem Nebel-Dreieck in der Finsternis, manchmal fahren große schwarze Schachteln auf der Dreh- und Hebebühne rauf und runter – eine kubistische Mischung aus Abgrund und Sackgasse in expressionistischer Stummfilmbeleuchtung. Gelegentlich aber erstrahlt in den Schachteln als Guckkästen ein heimeliges „Drinnen“ der ärmeren und reicheren Wohnstuben, aus denen Beckmann ausgeschlossen bleibt, draußen vor der Tür.

Grandios auch die hier wirklich einmal sinnvollen Videoprojektionen (Benjamin Krieg), riesenhaft auf einer Gazehaut ganz vorne an der Rampe, die den Eindruck der Ortlosigkeit auf schwindelerregende Weise vergegenwärtigen und die Hauptfigur streckenweise buchstäblich im Nirgendwo schweben lassen, bis man auch als Zuschauer nicht mehr so recht weiß, wo oben und unten ist.

Melde gehorsamst, man erlebt ein faszinierendes, mit allen Wassern der Bühnenkunst gewaschenes Albtraum-Szenario vom Feinsten – und genau darin liegt das Problem: Sie ist ein bisschen zu faszinierend, diese Kulinarik der Verstörung, dieser Höllentrip à la Carte, der den Horror genießbar macht und die pazifistische Botschaft neutralisiert. Denn obwohl den hochengagierten Schauspielern das Wunder gelingt, jenes graue TrümmerzeitPathos wegzuzaubern, das Borcherts Text sonst doch sehr zeitgebunden erscheinen lässt, bleibt der Stoff „historisch“: Man merkt immer, dass es hier um die Jahre nach 1945 geht, obwohl im ersten Satz „Ein Mann kommt nach Deutschland“ die Ortsbestimmung durch „nach Hause“ ersetzt wurde und Beckmann keine feldgraue Wehrmachtsuniform trägt, sondern Nato-Oliv.

Die brennende Aktualität des Themas wird nicht deutlich

Ob die vielen jungen Leute im „Radikal jung“-Publikum, die „uns“ ja womöglich irgendwann verteidigen sollen, mitgekriegt haben, dass es in dem Stück um sie gehen könnte, bleibt fraglich. Denn dafür stellt die Inszenierung die brennende Aktualität der Thematik viel zu wenig heraus und bleibt viel zu nah am Original, statt es zu dekonstruieren. Insofern wirkt der Abend trotz seiner Virtuosität ungefähr so subversiv wie jede bloße Klassikerpflege. Aber vielleicht macht ja gerade diese Unfähigkeit einer jüngeren Generation, im Geschichtlichen das Gegenwärtige zu entdecken und es auf sich selbst zu beziehen, Hoffnung: Eine Jugend, die mit „Triggerwarnungen“ sozialisiert wurde und sogar „Mikroaggressionen“ scheut, ist der beste Schutz vor Kriegstüchtigkeit…

Heftiger, langer Applaus.
ALEXANDER ALTMANN

„Radikal jung“

läuft bis 4. Mai;
alle Gastspiele und Karten gibt es unter muenchner-volkstheater.de.

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