Englands Königin Rashida

von Redaktion

Burhan Qurbani über seinen Film „Kein Tier. So wild.“

Sie bringt den Krieg nach Deutschland: Im Mittelpunkt des Films „Kein Tier. So wild.“, der an Shakespeares „Richard III.“ erinnert, steht Rashida York (Kenda Hmeidan). © Lukasz Bak

Der 44-jährige Regisseur Burhan Qurbani hat in den vergangenen Jahren praktisch im Alleingang ein neues Genre des deutschen Kinos begründet, indem er brennend aktuelle Gesellschaftskritik und die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund in hoher literarischer Intensität aufeinandertreffen lässt. 2020 verlegte der Berliner mit afghanischen Wurzeln Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ in die Gegenwart und verwandelte den Ex-Knasti Franz Biberkopf in einen Geflüchteten aus Afrika. Jetzt legt Burhan Qurbani sein Meisterstück vor: „Kein Tier. So wild.“ adaptiert Shakespeares Tragödie „Richard III.“ und startet am kommenden Donnerstag in unseren Kinos.

Wäre nicht auch eine Inszenierung für die Bühne denkbar gewesen?

Lustigerweise erarbeite ich gerade eine Theaterproduktion für das Thalia in Hamburg. Da war es umgekehrt: Eigentlich wollte ich unbedingt einen Kinostoff auf die Bühne bringen, „Der siebente Kontinent“ von Michael Haneke. Das funktionierte rechtemäßig nicht, deswegen wird es nun „Die Verwandlung“ von Kafka. Aber in meiner Fassung. In der ist das Ungeziefer wie ich ein Kanake. Die Idee zu „Kein Tier. So wild.“ kam aus einer Depression heraus. „Berlin Alexanderplatz“ lief auf der Berlinale. Wir erlebten eine tolle Premiere. Alle hatten das Gefühl, jetzt kann die Reise losgehen. Dann kam der erste Lockdown. Im Internet stolperte ich über ein Bild von zwei Mädchen arabischer Herkunft mit Papierkrone in einer Gebirgslandschaft. Es hat in meinem Kopf Klick gemacht, und ich erinnerte mich an das Freedom Theatre in Jenin. Nach ein paar weiteren Klicks dachte ich mir, ich erzähle „Richard III.“, aber im Hier und Jetzt und als die Geschichte eines arabischen Mädchens. Dieses Bild haben wir eins zu eins für den Anfang des Films übernommen.

Albrecht Schuch spielt als Dealer in „Berlin Alexanderplatz“ auch eine Randfigur mit Buckel. Das war kein Zufall, oder?

Richard III. ist meine absolute Lieblingsfigur, der ultimative Außenseiter in Shakespeares Universum. Der körperlich beeinträchtigte Mann. Der zu spät Geborene. Der Außenseiter, der das Gefühl hat, kein Recht darauf zu haben, in der Mitte der Gesellschaft zu sein. In „Wir sind jung. Wir sind stark“ spielt Joel Basman auch so eine Figur, ein freies Radikal. Ich glaube, unbewusst oder vielleicht gar nicht so ganz unbewusst habe ich Richard in alle meine Filme hereingeschrieben.

Um die Benachteiligung dieses Charakters ohne viel Aufhebens zu illustrieren, ist es total konsequent, dass die Figur heute kein Mann mehr ist…

Ich habe in der Dramatikerin und Essayistin Enis Maci eine brillante Koautorin gefunden. Seit wir uns entschieden hatten, alles in die Jetztzeit zu übersetzen, war die Folge klar: Die Könige von damals waren nur die Gangster mit dem größten Knüppel. Bei uns sind das Haus York und das Haus Lancaster verfeindete arabische Clans in Berlin. Wir wollen dabei aber die vertrauten Klischees brechen. Das geht sehr gut über die Ästhetik des Bildes. Indem wir versuchen, die Seherwartungen des Publikums zu unterlaufen, was bestimmte Milieus und Communitys angeht. Und deshalb war es auch so spannend zu sagen: Die Hauptperson ist eine Frau. Rashida statt Richard.

Es geht um die Position von Frauen in der Gesellschaft?

Wir haben besprochen, was bleiben soll: die Grundbeats, der Ton der Sprache. Aber wir müssen auch etwas dazu erfinden, um die Figuren in der toxisch männlichen Gegenwart ankommen zu lassen. Daraus haben wir eine Melange entwickelt. Eine Geschichte, die wir dabei superaktuell fanden, war die einer Frau mit Migrationshintergrund, mit Gewalt- und Fluchterfahrung, die den Krieg nach Deutschland bringt.

Warum wurde die Sprache beibehalten?

Ich bin ja total verliebt in Sprache und definiere mein Deutschsein sehr stark darüber: dass ich die Sprache beherrsche und dadurch auch Meister meines Schicksals bin. Unsere Hauptfigur benutzt Slang zum Beispiel nur als Spitze. Sie hat sich ansonsten diese hohe Theatersprache angeeignet. Das ist immer auch ein Weg der Ermächtigung. Meine Spielerinnen, vor allem die mit Migrationsgeschichte wie Kenda Hmeidan (Rashida), fanden es wichtig zu zeigen, wie gut wir Deutsch sprechen. Und dass dies nicht das ist, was uns davon abhält, in der Mitte der Gesellschaft zu landen.

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