Nichts ist gewiss

von Redaktion

Leonie Rebentischs Adaption des Romans „Gittersee“ im Münchner Volkstheater

Der Star des Abends: Amelie Willberg. © Moritz Haase

„Vergiss nicht, dass ich dich über alles liebe“, sagt Paul zu Karin, ehe er mit einem Freund zum Feiern an die tschechische Grenze fährt. Karin darf nicht mit, ihre Mutter hat’s verboten. Doch dann steht auf einmal die Stasi vor der Tür, Pauls Kumpel ist verhaftet, Paul im Westen. Und Karin lernt zum ersten Mal auf schmerzhafte Weise, dass man sich nicht auf alles verlassen kann, was die Menschen so sagen. Schon gar nicht Mitte der Siebziger in der DDR.

Karin, 16, steht im Zentrum von Charlotte Gneuß’ viel diskutiertem Roman „Gittersee“. Aus dem dicht gewobenen, komplexen Text über das Lebensgefühl der DDR hat Regisseurin Leonie Rebentisch für das Berliner Ensemble einen zwei Stunden straffen Theaterabend erschaffen. Der war nun bei „Radikal jung“ im Volkstheater zu besichtigen.

Rebentisch betont in erster Linie die im Buch anklingende Zeitlosigkeit der Ereignisse, die nach der Veröffentlichung des Romans für eine Kontroverse sorgte. Darf eine junge Autorin aus dem westdeutschen Ludwigsburg, Jahrgang 1992, auf diese Weise über den bei ihrer Geburt bereits versunkenen Arbeiter- und Bauernstaat schreiben – oder ist das kulturelle Aneignung? Die Aufregung konnte den Erfolg des Textes nicht ernsthaft ramponieren. Dafür ist die Geschichte, Ungenauigkeiten hin oder her, gerade in ihrer spröden Kantigkeit zu spannend. Und eben auch zu zeitlos. Auf die Idee, hier exakte Alltagsbeschreibungen der DDR herauslesen zu können, kommt man ohnehin nicht. Dafür sind die Themen Freundschaft, Wahrheit und Betrug, Einsamkeit und familiäre Schwierigkeiten viel zu allgemeingültig. Sabine Mäders Bühnenbild betont diese Universalität zusätzlich. Auch die Kostüme von Luisa Wandschneider geben kaum Hinweise auf Zeit und Ort.

Rebentisch hat die grundlegenden Handlungsstränge des Romans zu einer Coming-of-Age-Geschichte vor und hinter fadenscheiniger weißer DDR-Tapete verdichtet. Die von der Decke hängenden Papierbahnen fungieren als Wald für die Treffen des Teenager-Pärchens wie später die schnell vertraulichen Gespräche mit dem Stasi-Beamten. Oder sie symbolisieren die realen und emotionalen Mauern rund um die Akteure, die in immer wieder neuen Konstellationen in den Bühnenvordergrund treten.

Zwischen der vom „Dritten Reich“ schwärmenden Oma, dem trinkenden Vater und der gefühlskalten Mutter gelingt es Karin nicht, sich freizuschwimmen. Amelie Willberg, der Star des Abends, spielt dieses verschlossene Mädchen als eine Verzweifelte, die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung einen falschen Schritt nach dem anderen ins Erwachsenenleben geht.
ULRIKE FRICK

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