Suggestive Szenen, hier mit Yumiko Yoshioka. © Schied
Sich der Sache einfach hingeben, sich einlullen lassen, das funktioniert nicht. Man muss im Münchner Utopia, der ehemaligen Reithalle, schon den Überblick behalten: Wo in diesem lang gestreckten, abgedunkelten Raum passiert gerade etwas? Behalte ich dabei die Übertitel im Blick? Vor allem: Stehe ich Schauspieler Thomas Schmauser im Weg, der anfangs mehrfach stumm den Raum durchschreitet und sich später in Salzkisten suhlt?
Oper, das fasst es nicht, auf was Toshio Hosokawa mit seinem 2011 uraufgeführten Achtzigminüter „Matsukaze“ zielt. Obwohl es eine Handlung gibt: Ein Mönch trifft am Strand auf zwei Schwestern, Matsukaze und Murasame, die in einem Salzhaus auf Yukihira, ihren früheren Geliebten warten. Es stellt sich heraus: Die Frauen sind seit Jahrhunderten tot. In der Tradition des Noh-Theaters entwickelt Hosokawa daraus eine Meditation über Vergänglichkeit, Nicht-loslassen-Können, über (lebensbedrohliche) Wünsche und das Akzeptieren der Realität.
Durchdrungen ist das alles von Hosokawas filigraner Klanglichkeit. Ein Gespinst am Rande des Geräuschs und der Stille, zwischen Naturlaut und vierteltönigen Harmonien. Diese Musik scheint sich kaum zu verdichten und ist doch von großer Raffinesse und Suggestivkraft. Selbst der ekstatische Tanz, mit dem die Frauen die (angebliche?) Vereinigung mit dem Geliebten feiern, ist ästhetisierte Dramatik.
Die Idee, diese Musik für die zweite Premiere des Staatsopern-Festivals „Ja, Mai“ auszubreiten, sie auseinanderzuziehen auf die Dimension des Spielortes, ist bestechend. Lotte van den Berg und Tobias Staab (Regie) laden mit Alicja Kwade (Bühne) ein zu einer begehbaren Installation. Eine Performance zwischen Ritual und Rätsel, die sich gewohnter, zielgerichteter Theatralität verweigert. Wandernd erkundet man nicht nur die Momente, an denen sich szenisch gerade etwas tut. Auch dem grandiosen Münchener Kammerorchester unter dem staunenswert umsichtigen Alexandre Bloch und den Voces Stuttgart kommt man hautnah. Musik zum Anfassen quasi. Die Solo-Partien sind doppelt besetzt, singend und spielend, alle fügen sich mit bewundernswerter Intensität ins Ganze, sind beseelt von ihren Soli. Wer anfangs irritiert ist, überlässt sich bald dem Flow: Schauen, hören, staunen, nicht alles verstehen. Egal.
MARKUS THIEL
Weitere Vorstellungen
am 7., 9. und 11. Mai;
Telefon 089/ 2185-1920.