Sinnsuche als Psycho-Groteske

von Redaktion

„Der Dämon in dir muss Heimat finden“

Mandy Galadriel (Nika Miskovic) sieht sich als Singer-Songwriterin. Tatsächlich hat sich der Erfolg in der Musikbranche nie eingestellt, sie arbeitet daher im Hermes-Paketshop. Den betreibt sie von der Wohnung eines Freundes aus, bei dem sie sich eingenistet hat. Als er sie ausgerechnet an ihrem 30. Geburtstag rauswirft, drückt er ihr als Geschenk noch einen Workshop-Gutschein für ein Mental-Health-Unternehmen namens „Dawn“ in die Hand. Eine „Wiederentdeckung des inneren Kindes“ wird versprochen. Dadurch sollen die in seelische Schieflagen geratenen Kursteilnehmer zu erneuten Höchstleistungen im Job angespornt werden.

Die Schauspielerin und Autorin Lola Fuchs hat die irre Science-Fiction-Odyssee „Der Dämon in dir muss Heimat finden“ als schrill-bunte Groteske inszeniert, an deren Ende nur der Höllenschlund warten kann. Anspielungen auf den Titel eines bekannten Wohlfühl-Psycho-Ratgebers sind in dieser bei „Radikal Jung“ präsentierten Farce des Schauspiels Dortmund keinesfalls zufällig. Veronika von Sonnen (Marlena Keil) und ihr Bruder Markus von Sonnen (Linus Ebner), die Gründer von „Dawn“, haben die Sinnsuchenden dieser krisenhaften Gegenwart als zahlungswillige Opfer auserkoren.

Für die Suche der Orientierungslosen nach Hilfe in den sich immer bedrohlicher drehenden Zeitläuften haben sich die zwei Spielchen ausgedacht, die von der Achtsamkeitslobby über die Glücksschmiede bis zum Herzenshaus führen. Oder auch nicht. Mandys Suche nach ihrem inneren Kind scheitert krachend. Trotz oder gerade wegen des herrlich in Gold und Beige funkelnden Chores der „besorgten Freundinnen“. Lola Fuchs’ Komödie samt beißender Kritik am „Sinnfluencing“, der Suche nach Spiritualität und Selbstoptimierung, schärft höchst vergnüglich den Blick aufs Wesentliche. Und das liegt keinesfalls in Zeitreisen zurück ins eigene Jugendzimmerchen.
ULRIKE FRICK

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