Das Bühnenbild läuft der Regie den Rang ab: Szene aus „Das Jagdgewehr“ in der Inszenierung von Ulrike Schwab und der Ausstattung von Jule Saworski. © Geoffroy Schied
Die vereinfachte Story geht so: der Mann als Zentralgestirn, umkreist von drei Frauen, der Gattin, der Geliebten und deren Tochter. Am Ende hat die Geliebte Gift genommen, die Schuldfrage wäre klar. Doch so einfach ist es nicht in der japanischen Theatertradition, erst recht nicht in der musikalischen Moderne. „Das Jagdgewehr“, komponiert von Thomas Larcher auf einen Text von Friederike Gösweiner, der wiederum auf einer Novelle von Yasushi Inoue basiert, wechselt die Perspektiven, auch die Erzählebenen. Klingt nach theoretischem Konstrukt, wird aber zusammengehalten, reflektiert, unterfüttert und befeuert von einer sehr haptischen, fassbaren Musik.
Auch deshalb errang die Kammeroper 2018 bei den Bregenzer Festspielen einen Uraufführungserfolg, an den sich nun die Bayerische Staatsoper mit ihrem Mini-Festival „Ja, Mai“ dranhängen möchte. Alle zwei Jahre widmet sich das Haus der Moderne, dabei meist erprobten Werken und Komponisten. Auch das ehrt die Staatsoper: Andernorts gieren die Häuser nach Uraufführungen und Aufmerksamkeit, dabei ist doch die Neubefragung mindestens so wichtig.
Die Geschichte des „Jagdgewehrs“, das hier im Cuvilliéstheater gezeigt wird, entwickelt sich aus einem Gedicht über einen Jäger, der sich als eben jener Mann namens Misugi zwischen drei Frauen entpuppt. Larcher, Librettistin und Vorlagedichter meiden Eindeutigkeit: Die Frauen gewinnen durch die Konfrontation mit dem Mann eine neue Selbstbestimmung – und sei es, dass sie diese in den Freitod führt.
Die Plastizität von Larchers Musik ist ab dem ersten Takt körperlich spürbar. Eine Musik, die sich ausdehnt, zusammenzieht, mit großer Raffinesse Aggregatszustände wechselt und sich als (scheinbar) freie Fantasieform entwickelt. Tief hat Larcher in den Klangfarbentopf gegriffen. Das Schlagwerk spielt eine große Rolle, auch der Chor, der eine klangliche Erweiterung der Solo-Partien ist, manchmal Kommentar. Larchers Partitur hat etwas aufreizend Traditionelles: Sie sehnt sich nach Schönheit. Tonale Momente sind werkbestimmend, alles erwächst aus reiner, wenn auch oft extrem gelagerter Kantabilität. Gerade deshalb passt die Verknüpfung mit drei Madrigalen Monteverdis, von denen eines schon vor Beginn, im Lichthof des Cuvilliéstheaters erklingt.
Larchers so sang- wie dankbare Partien treffen hier auf eine großartige Besetzung. Fast alle stammen aus dem Opernstudio, nur einer, Vitor Bispo als Jäger Misugi, hat die Nachwuchsschmiede verlassen und ist ins „große“ Ensemble gewechselt. Wer seinen reichen, gut durchgebildeten, virilen Bariton hört, weiß, warum. Elrin Rognerud als Ehefrau Midori, vor allem Juliana Zara als Geliebten-Tochter Shoko scheinen in der Sopranstratosphäre erst aufzublühen und führen vor: Gerundete Töne und Textpräsenz sind an jedem Ort des Notensystems und weit darüber möglich. Xenia Puskarz Thomas als Geliebte Saiko hält mit warmen, schlanken Mezzo-Klängen dagegen. Und einen Tenor wie Dafydd Jones könnte man sich in fast jeder Mozart- oder Bach-Partie vorstellen, er übernimmt den Dichter und quasi „Urheber“ der Geschichte. Komplettiert wird das durch den homogenen, tiefenscharfen Gesang der Zürcher Singakademie (Einstudierung: Florian Helgath). Francesco Angelico nutzt mit der kleinen Delegation des Staatsorchesters Dramatik und Fülle der Partitur, schmeckt das aber im akustisch heiklen Cuvilliéstheater klug ab.
Das Bühnenbild läuft der Regie den Rang ab. Ausstatterin Jule Saworski hat ein verspiegeltes, gestaffeltes Fünfeck entworfen. Ein verfremdetes Zimmer, in das oft Alltagsgegenstände wie Tisch oder kleine Küchenzeile geschoben werden. Mit wenigen Mitteln sind aparte Spiegeleffekte möglich, das Ganze beschert hohe Schauwerte. Regisseurin Ulrike Schwab kommt über die Bebilderung von Atmosphären kaum hinaus. Psychologisierung der Figuren, das weiß sie, wäre hier Themaverfehlung. Was sie entwickelt, ist eine Mixtur aus Zeitlupenaktion, Ritual und Abstraktion. Doch „Das Jagdgewehr“ ist stärker, vor allem stringenter, als es der Abend suggeriert. Und das lädt zur nächsten Folgeproduktion ein.
MARKUS THIEL
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am 6., 8. und 11. Mai;
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